Das wiederum könnte Folgen haben für Tusk, dessen erste Amtszeit im Mai endet. Die Sozialdemokraten könnten den Posten für einen ihrer Vertreter beanspruchen.

Im Parlament selbst zeichnet sich bereits ein Ende der Konsenspolitik ab, die in den vergangenen Jahren die zwei größten Fraktionen wie eine Koalition aussehen ließen. Und der EU-Kommission geht ein starker Verbündeter verloren: Juncker und Schulz standen bei etlichen Zwistigkeiten mit den Mitgliedstaaten Seite an Seite und beschworen mehr europäische Einigkeit.

So könnten sich die politischen Gewichte zwischen den EU-Institutionen wieder verschieben - und das gilt erst recht für die Zusammenarbeit der Länder. Das Gremium der Mitgliedstaaten, die Versammlung der Minister sowie ihrer Staats und Regierungschefs ist jetzt schon mächtiger, als es dem Parlament etwa lieb ist. Getrieben von nationalen Interessen schaffen es die Politiker gerade einmal, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu kommen, lautet der Vorwurf aus dem Abgeordnetenhaus. Große Visionen, ein europäischer Geist seien da nicht zu finden.

Fließende Bündnisse statt starrer Machtblöcke

Dass sich das bald ändert, ist nicht absehbar. Keineswegs einzementiert sind aber die Bündnisse, die zwischen den Mitgliedstaaten entstehen, einmal enger, dann wieder lose werden. Ein Zentrum wird nach dem Ausscheiden Großbritanniens aus der Gemeinschaft wegfallen, das deutsch-französische Duo hat jetzt schon an Energie eingebüßt, und die Südeuropäer ringen mit jeweils unterschiedlichen wirtschaftlichen sowie gesellschaftlichen Herausforderungen. Könnte aber die Achse Paris-Berlin um Warschau erweitert werden? Könnte die Visegrad-Gruppe aus Polen, Ungarn, Slowakei und Tschechien sich mit konstruktiven Vorschlägen einbringen, den auf sich konzentrierten Westen auch für Ost- und Mitteleuropa interessieren?

Diese Fragen mit Ja zu beantworten, fällt äußerst schwer. Die polnische Regierung beschränkt sich auf innenpolitische Scharmützel, und Budapest hat eigene Vorstellungen von der EU. Das hindert wiederum Österreich nicht daran, in manchen Bereichen mit Ungarn durchaus gut zusammenzuarbeiten.

Das macht jedoch auch deutlich, wie fließend Allianzen sind. Sie werden gebildet rund um Themen oder Einstellungen: Ob Energie, Grenzschutz, Haushaltsdisziplin oder Verteidigungspolitik - wer geschickt genug ist, Verbündete um sich zu scharen, kann in der EU mehr erreichen. Starre Machtblöcke sind kaum mehr haltbar, Überlegungen zu einem Kerneuropa bringen daher wenig.

Ein Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten aber ist längst Realität. Es gibt die Schengen-Zone, den Euro-Raum, es gibt Ausnahmeregeln, die sich nur bestimmte Länder zu Nutzen machen können. Daraus ergeben sich manchmal Frust, manchmal Streit aber manchmal auch Chancen. Am Projekt EU wollen immerhin bis auf Großbritannien alle Mitglieder weiter arbeiten. Es wird ein mühsames Vorwärtstasten sein - aber es geht weiter.