Geradezu unappetitlich wird die Kapitalismuskritik, wenn man sich die Situation jener Menschen vor Augen führt, die in Länder hineingeboren werden, in denen noch immer dem Traum von der totalen (Einkommens-)Gleichheit nachgejagt wird. Wie etwa in Nordkorea, dessen Bevölkerung in den 1950er Jahren noch auf demselben wirtschaftlichen Niveau lebte wie jene in Südkorea. Und heute? Armut und Elend im nördlichen Teil der Halbinsel, Massenwohlstand im südlichen Teil.

Geradezu verheerend sind die Zustände in Venezuela, das vor nicht allzu langer Zeit noch als die Alternative zum Kapitalismus gepriesen wurde: Industrien wurden "vergemeinschaftet", ausländische Investoren aus dem Land gejagt, Preise für die Produkte des täglichen Bedarfs amtlich geregelt, die Einnahmen aus dem Ölverkauf an die Ärmsten umverteilt. Vor allem dafür hat Nobelpreisträger Joseph Stiglitz die venezolanische Führung im Jahr 2007 explizit gelobt. Es komme schließlich auf die breite Verteilung des Wachstums an, wie Stiglitz richtigerweise betonte.

Das scheinen die mehr oder weniger kapitalistischen Volkswirtschaften deutlich besser hinzukriegen. In Venezuela, dem Land mit den höchsten Ölreserven, herrscht heute Mangelwirtschaft und Elend. Während Hungernde zur Schlachtung von Tieren aus dem Zoo schreiten, gehen in den Krankenhäusern Kinder und Alte elendig zu Grunde, weil es keine Antibiotika mehr gibt. Die Produktion ist zum Erliegen gekommen, die Einfuhr aus dem Ausland wird von der sozialistischen Führung untersagt. Güter des täglichen Bedarfs sind nur noch auf den Schwarzmärkten erhältlich.

Und was machen wir in unseren Wohlstandshochburgen? Wir stellen nicht den Sozialismus an den Pranger, sondern den Kapitalismus. Schmähen ihn und werfen mit verdorbenen Lebensmitteln aus unserer Überschussproduktion nach ihm. Warum? Weil wir Menschen nicht damit zurechtkommen, dass der Kapitalismus einige Wenige unfassbar reich machen kann. Das wird als ungerecht empfunden, obwohl Leute wie Bill Gates niemandem etwas stehlen und die breite Masse bei uns heute besser lebt als seinerzeit die Könige und Fürsten. Wir scheinen eben nur so lange mit unserem neuen VW Golf zufrieden zu sein, bis der Nachbar seinen neuen Mercedes in die Auffahrt stellt. Schade. Viele Menschen in den ärmsten Regionen würden gerne mit diesem "Problem" fertigwerden dürfen. Für sie ist der Kapitalismus nämlich der verlässlichste Fluchthelfer aus der Armut, den es derzeit gibt.

Hin und wieder sind die Dinge eben erfrischend einfach, auch wenn wir das in unseren Wohlstandshochburgen nicht sehen wollen.

Der Autor leitet die wirtschaftsliberale Denkfabrik Agenda Austria.