Hollenstein
Hollenstein

Wien. Es ist die Hybris jeder Generation zu glauben, sie, ausgerechnet sie, sei vom Schicksal auserkoren, in dieser ganz besonderen Zeit, die Gegenwart heißt, zu leben. Wie besonders diese Zeit dann tatsächlich ist, lässt sich allerdings immer erst im Rückblick feststellen, wo die Möglichkeiten besteht zu vergleichen und gewichten. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings hoch, jedenfalls rein statistisch, dass es ziemlich normale Zeiten sind, mit denen sich die meisten Generationen abquälen müssen.

Was den Status der Auserwähltheit angeht, so ist uns Österreichern Bescheidenheit keine Zier. Wie auch, bei Fans wie Friedrich Hebbel (1813-1863), einem deutschen Dramatiker, der den Österreichern ins Stammbuch schrieb, jene kleine Welt zu sein, "auf der die große ihre Probe hält". Damals war das allerdings noch durchaus positiv gemeint, ganz im Unterschied zur Gegenwart und jüngeren Vergangenheit. Seit gut 30 Jahren leben wesentliche Teile der kulturellen Elite samt etlichen Edelfedern des gehobenen heimischen Journalismus in der festen Erwartungshaltung, dass das Land wieder zurück in dunkle Zeiten kippt.

Der Rückfall
lässt auf sich warten

Gemessen an solchen Erwartungen hält sich Österreich wider Erwarten überraschend gut. Mit Alexander Van der Bellen wurde soeben sogar ein ehemaliger Parteiobmann der Grünen zum neuen Bundespräsidenten gewählt. Und das gleich zwei Mal. Man kann dies mit einigem Recht historisch nennen, muss es aber nicht. Immerhin sind die Grünen nach wie vor die stimmenmäßig schwächste und jüngste der etablierten Parteien.

Und trotzdem sind sie überproportional stark in das Machtgefüge der Republik eingebunden. Zu Jahresende 2016 regieren die Grünen in fünf der neun Landesregierungen mit, die Kanzlerpartei SPÖ nur in vier, die FPÖ nur in drei. So gesehen wäre ein Bundespräsident Norbert Hofer zweifellos die einschneidendere Zäsur gewesen. Da hätte die Bezeichnung "historisch" besser gepasst. Wahrscheinlich hat Hofer genau deshalb nicht gewonnen.

Der elfmonatige Hofburg-Wahlkampf hat dem Land einen ungewohnten Reputationsschub verschafft. Das bisher vermeintlich schwächste Glied in der Kette der liberalen Demokratien mutierte mit der Niederlage der Freiheitlichen über Nacht zum unwahrscheinlichsten aller Hoffnungsträger. Beide Szenarien, die Untergangsfantasie wie die Mär vom Bollwerk, sind Tunnelperspektiven mit allenfalls oberflächlichem Bezug zur Wirklichkeit.

Das Jahr 2017 sieht die Kämpfer aller Seiten nun redlich erschöpft. Mit der Niederlage Hofers fällt eine starke Versuchung zur schnellen Flucht in Neuwahlen weg, zumal Umfragen die FPÖ weiterhin konstant als stärkste Kraft ausweisen. Hinzu kommt der finanzielle Aderlass bei FPÖ und Grünen durch die überlange Hofburg-Wahl. Am stärksten wirkt jedoch, dass momentan keine Partei über eine alternative Erzählung für das Land verfügt, die auch rechnerisch wenigstens über eine Mininalwahrscheinlichkeit für eine parlamentarische Mehrheit verfügt.

Österreich 2017, das ist - wie bereits seit drei Jahrzehnten - ein Nicht-mehr-Land so sehr wie ein Noch-nicht-Land. Viel Neues - Parteien, Bewegungen, Methoden und Technologien - hat begonnen, ohne dass sich mit Gewissheit sagen ließe, wohin diese Entwicklungen führen. Und etliches Alte und Überkommene erweist sich zudem im Überlebenskampf als zäher und erfindungsreicher, als ihm die meisten Beobachter zugetraut hätten.

Hoffnungsträger
auf Verdacht

Diese Feststellungen beziehen sich zunächst, aber längst nicht ausschließlich, auf das Personal. Mit Christian Kern und Sebastian Kurz, roter Kanzler der eine, schwarzer Außenminister in Wartestellung der andere, ziehen zwei Zwitterwesen alle Blicke der Öffentlichkeit auf sich. Beide sind das Ergebnis einer klassischen politischen Sozialisation, und trotzdem umweht Kern wie Kurz die Hoffnung auf einen Neuanfang, von dem sich ihre jeweiligen Anhänger fast schon revolutionäre Erneuerungskraft erwarten. Nüchterner betrachtet sind die beiden noch nicht mehr als ein uneingelöstes Versprechen, zwei rhetorisch gewandte und perfekt inszenierte Projektionsflächen. Aus welchem Holz Kern und Kurz tatsächlich geschnitzt sind, ist nicht verlässlich zu beantworten. Und auch den Stresstest eines Wahlkampfs in der Hauptrolle des Stimmenbringers - der einzig harten Währung, die unsere auf die Oberfläche fixierte Politik kennt - müssen sie erst bestehen. Trotz unbestrittener Leistungen - ÖBB-Chef der eine, Spiritus Rector eines neuen Integrationszugangs sowie der Schließung der Balkanroute der andere - befinden sie sich nach wie vor in ihrer Möglichkeitsform. Da ist viel Platz zwischen den Extremen Karl-Heinz Grasser und Bruno Kreisky. Bei Kurz kommt noch sein Alter hinzu: Wer weiß, vielleicht verliert der 30-Jährige irgendwann die Lust am 24-Stunden-Hamsterrad der heimischen Politik, verspürt Lust auf ein wirklich privates Privatleben, auf eine Karriere mit weniger Leerlauf und deutlich höherer Entlohnung? Und dann ist da noch Reinhold Mitterlehner. Der ÖVP-Obmann, Vizekanzler und Wirtschaftsminister hat Steherqualitäten, mit ihm ist weiter zu rechnen.