Nur eines ist unwahrscheinlich: Dass Kanzler oder Außenminister (das gilt auch für Mitterlehner) nach Wahlen den Juniorpartner für einen FPÖ-Kanzler spielen. Nicht weil eine Koalition mit der FPÖ ein No-Go wäre; sie würden wohl, zwar mit Bauchweh, aber doch, aber nur um den Preis des Kanzlers. Bei der SPÖ kommt noch hinzu, dass eine Koalition mit der FPÖ die Partei an den Rand einer Spaltung bringen würde. Dass Kern die rot-blauen Beziehungen nun auf eine neue Ebene heben will, ist ein Strategieschwenk beim Versuch, ehemalige Wähler zurückzuholen, aber keine Anbahnung einer Koalition. Mittelfristig wird Letzteres sehr wohl ein Thema werden, wenn sich bis dahin weiterhin keine Option auf eine Mehrheit von rot-grün-plus-irgendwem ergeben sollte.

Im Übrigen ist es eine austriakische Besonderheit, dass Hoffnungsträger ihren Aufstieg in hohe und höchste Staatsfunktionen auf Verdacht, jedenfalls aber ohne belastbaren Beleg, bewältigen. Hierzulande bestimmen nicht Nationalratswahlen, wer Kanzler wird, sondern Parteigremien. Sinowatz, Vranitzky, Klima, Schüssel, Faymann und jetzt Kern: Keiner wurde von den Wählern ins Kanzleramt befördert, sie alle verdanken ihren Karrieresprung innerparteilichen Wetten auf eine bessere Zukunft.

Offene
Machtfragen

Die zweite Dimension dieses Österreichs im Schwebezustand sind die schwelenden, unentschiedenen Machtfragen. In allen vier großen Bundesländern scharren die Jungen (und solche, die sich noch für jung genug erachten) ungeduldig - und manchmal mehr - in den Startlöchern, begierig darauf, endlich das in Empfang zu nehmen, was sie nach dem Vorbild der Natur als ihr selbstverständliches Recht beanspruchen: die Schlüssel zur Macht aus den Händen der Altvorderen.

In Wien, Quelle und Zielobjekt aller sozialdemokratischen Sehnsüchte, gefährdet der Flügelkampf zweier einander erbittert beharkender Fraktionen den Machtanspruch der SPÖ. In Niederösterreich, dem agrarischen Kernland der ÖVP, sitzt ein an Macht satter Gott und predigt den Jüngeren Genügsamkeit. Ob er im Olymp an der Traisen den anschwellenden Chor der Unzufriedenen vernehmen kann, ist ungewiss. In Oberösterreich musste die ÖVP zwecks Machterhalts von Schwarz-Grün auf Schwarz-Blau umschwenken, Van der Bellen hat das Land trotzdem für sich eingenommen. Und in der Steiermark, dem letzten Land, wo Rot und Schwarz noch an eine gemeinsame Zukunft glauben, hat die stimmenstärkere SPÖ sogar der ÖVP den Landeshauptmann überlassen. Zum Dank haben die Steirer bei etlichen Wahlgängen der letzten Zeit die FPÖ zur stärksten Kraft im Land hinter dem Semmering befördert. Und das verlässlich ohne überzeugendes Personal- oder Politikangebot. Einfach nur so. Der Satz "die Steiermark ist das neue Kärnten" mag historisch wie geografisch Unsinn sein. Als politische Zukunftsvermutung klingt er ziemlich einleuchtend.

Die Entscheidungen dieser offenen Macht- und Nachfolgefragen quer durch die Republik - neben den genannten Bundesländern treten in absehbarer Zeit auch noch die langjährigen Präsidenten der Wirtschaftskammer, Christoph Leitl, und des Gewerkschaftsbundes, Erich Foglar, ab - laufen allesamt nach einem eigenen Drehbuch, nach einer ganz spezifischen Logik ab. Weder gibt es in den Parteien einen übergeordneten Regisseur noch eine den Ablauf steuernde Gesamtstrategie. Entsprechend widersprüchlich werden die Ergebnisse sein. Und sie werden, egal wie sie ausfallen, den Handlungs- und Gestaltungsspielraum jeder Regierung maßgeblich mitbestimmen.

Bleibt schließlich noch die dritte Dimension des Nicht-mehr-/Noch-nicht-Kontinuums: die der verfassungsrechtlichen Institutionen dieses Landes. Von Geburt an schwach, weil von den politischen Parteien begründet, eingehegt und domestiziert, stellt sich längst die Frage, wann etwa Verfassung, Parlament, Höchstgerichte und durchaus auch der Bundespräsident den ihnen in einer liberalen Demokratie eigentlich zugewiesenen Platz endlich einnehmen werden.

Es gibt politisches Leben
neben der Partei

Der Wiener Verfassungsdenker Manfried Welan hat die angeborene strukturelle Schwäche dieser Einrichtungen darauf zurückgeführt, dass es in Österreich keine Tradition im institutionellen Denken gebe. Tatsächlich wird den höchsten Einrichtungen unterschwellig - und mitunter ganz unverhohlen - Parteilichkeit zugesprochen. Nicht nur auf einen konkreten Anlassfall bezogen, sondern geradezu aus Prinzip. Aus dieser Dichotomie des Denkens - einer von uns oder einer von denen? - haben sich auch die Sozialpartnerschaft und ihre Trägerverbände nie befreien können beziehungsweise wollen.

Solange es die Parteien waren, die bei sämtlichen Entscheidungen den Takt und die Richtung vorgaben, hatte dieser Mangel wenigstens noch eine gewisse, wenn auch engstirnige Logik. Mit dem Verlust der Definitionshoheit der Parteien über die öffentlichen Angelegenheiten erlischt aber dieses Feigenblatt als Rechtfertigung.

Und weil die Institutionen von der Verfassung über die Hochbürokratie bis zum Parlament nicht als eigenständige Macht wahrgenommen werden, die bei Bedarf auch als ausgleichende und korrigierende Gegenmacht auftreten könnte, ist die innenpolitische Debatte auch so extrem auf die parteipolitische Zusammensetzung der Regierung fixiert. Nur so erklärt sich der Horror vor einer Regierungs-, einer Kanzlerpartei FPÖ. Dieser wird zugetraut - und von ihren Anhängern erhofft -, dass sie über alle verfassungsrechtlichen Gegengewichte hinweg durchregiert, den Institutionen des Staaten ihren Willen aufoktroyiert. Weil ja auch SPÖ und ÖVP gekonnt haben, wenn sie wollten. Also gilt es - nach der der Logik des etablierten Parteienstaats -, diese revolutionäre Kraft von der Macht fernzuhalten. Doch mit - laut Umfragen - 30 Prozent Stimmenanteil droht darüber die Idee von Demokratie als Abfolge friedlicher Machtwechsel Schaden zu nehmen.