- © "Wiener Zeitung"/Daniel Jokesch
© "Wiener Zeitung"/Daniel Jokesch

Frühling in Wien, 1964. Ein Meer aus Tulpen, ein Sessellift und ein futuristischer Turm mit einem sich drehenden Restaurant locken zigtausende Menschen zur WIG, der Wiener Internationalen Gartenschau. Heute liegt dort der Donaupark. Wer, in diesem Fall, das Pech der späten Geburt hat, kann sich die Eröffnung der WIG, und wohl generell jene Zeit, mit einem kurzen Filmbeitrag vergegenwärtigen.

Es scheint die Sonne, Besucher flanieren oder sitzen in Hollywoodschaukeln, sie bestaunen die Blumenpracht und lauschen einem Konzert. Das kurze Video ist unterlegt mit sanften Tönen wie aus einem Heimatfilm. Und in gewisser Weise ist dieses Zeitdokument auch zu einem Heimatfilm geworden: Es zeigt eine idyllische Welt von damals, zu sehen unter anderem auf Facebook in einer Gruppe namens Nostalgia Vienna, die Dokumente dieser Art sammelt und teilt.

Mehrere tausendmal wurde das Video angeklickt, etliche kommentieren es. "Schön war die Zeit! Die Menschen hatten noch Stil und waren ordentlich gekleidet", schreibt eine. Oder: "Ich weiß noch genau wie die Tulpen damals gerochen haben, fantastisch." Es ist das pure Schwelgen. Und warum auch nicht? Nostalgie löst ein angenehmes Gefühl aus. Meistens zumindest.

Denn aus einigen Kommentaren lässt sich auch eine andere Emotion herauslesen. "Schön war es damals!", schreibt einer, dann aber weiter: "Was ist nur aus unserem Land geworden. . ." Auch das kann Nostalgie auslösen. Der Blick zurück ist eine bittersüße Angelegenheit, der immer auch die Gewissheit innewohnt, dass es so wie damals nie mehr sein wird. Und das kann schmerzlich sein.

Mit dieser Ambivalenz hat sich auch die Forschung beschäftigt, sie kommt dabei zum grundsätzlichen Schluss, dass Nostalgie dennoch positiv ist und hilfreich dabei, Phasen von Veränderungen und Unsicherheiten zu bewältigen. Das Kind zieht von daheim aus; eine Beziehung endet; nach vielen Jahren entscheidet man sich, den Arbeitgeber zu wechseln. Es sind Perioden wie diese, in denen sich Menschen der Erinnerung widmen, alte Fotoalben durchblättern oder Anekdoten austauschen. "Weißt du noch. . .?"

Nostalgie kann auch spalten

Doch bisher hat sich die Wissenschaft fast ausschließlich der Nostalgie auf persönlicher Ebene angenommen und untersucht, warum und wann Menschen zu Nostalgie neigen und was sie in uns hervorruft. Erst seit wenigen Jahren aber gibt es Studien zur Nostalgie auf kollektiver Ebene, die zwar auf ähnliche Wirkmechanismen hindeuten, allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: Geteilte Erinnerungen sind nur innerhalb dieser Gruppe möglich.

Sitzen ältere Arbeitskollegen beisammen und erzählen einander, wie es früher war, im alten Büro oder mit der ehemaligen Chefin, gibt es meist eine Gruppe, die sich an diesen Anekdoten nicht beteiligen kann, jüngere Kollegen etwa. Kollektive Nostalgie erzeugt demnach das, was die Psychologie als Eigen- und Fremdgruppen definiert. Das muss noch kein Problem bei der Betriebsweihnachtsfeier sein, aber es deutet daraufhin, dass der jahrzehntelange wissenschaftliche Konsens über die positive Wirkung von Nostalgie hinterfragt werden muss. Vor allem, wenn sie - als kollektives Gefühl - exkludierende Tendenzen aufweist. Forscher fanden auch Hinweise, dass Gruppennostalgie bestimmte Verhaltensmuster und Sichtweisen innerhalb der Eigengruppe schafft und sie auch reglementiert.

Diese ersten Erkenntnisse sind aus mehreren Gründen wichtig. Erstens durchleben wir gerade eine Periode politischer Unsicherheiten und Veränderungen. Rein psychologisch ist es allein deshalb naheliegend, dass wir ab und zu Gedankenreisen in jene Zeit unternehmen, als es noch keine Wirtschafts-, keine Euro-, keine Terror- und keine Fluchtkrise gab. Dazu kommt, dass der technologische Fortschritt heute weniger Menschen mitnimmt als in den 60er und 70er Jahren. Die Digitalisierung erschwert tatsächlich vielen das alltägliche Leben, und sei es nur ein bisschen. Selbst Fernsehgeräte müssen heute geupdated werden, um zu funktionieren. Und mögen viele Menschen Online-Banking für praktisch halten, so ist für gut die Hälfte aller Österreicher, die keine Bankgeschäfte im Internet erledigen, die Konsequenz negativ, da immer mehr Filialen geschlossen werden. Auch diese Entwicklung sollte als fördernder Faktor für den sentimentalen Blick zurück nicht unterschätzt werden.

Zweitens ist das Nostalgie-Angebot so vielfältig wie noch nie. Fernsehsender bringen alte Beiträge aus dem Archiv, Produkte werden in Traditionsverpackungen gewickelt oder alte Marken neu aufgelegt, Flohmärkte boomen on- wie offline und private Archive sind dank der Kompaktkamera ab den 70er Jahren prall gefüllt. Private Initiativen wie eben Nostalgia Vienna oder auch Buchverlage verschaffen diesen Schätzen dann Öffentlichkeit.

Drittens, und das ist in dieser Qualität neu, ist Nostalgie zu einem politischen Faktor geworden. Sie wird vor allem von rechtspopulistischen Akteuren gezielt eingesetzt und geschürt. Diese Sehnsucht nach einer konkreten, wenn auch verklärten Vergangenheit war Leitmotiv des Wahlkampfes von Donald Trump, der in dem Slogan "Make America Great Again" gipfelte. Diese Art der Nostalgie spielte auch beim Brexit-Referendum eine Rolle bis hin zu Gedankenspielen mit dem British Empire. (Ironischerweise mit der Konsequenz, dass Großbritannien nach einem EU-Austritt auch noch das "Groß" verlieren könnte, sollte sich Schottland abspalten.)