Unsicherheit als Folge neuer Grenzziehungen

In diesem Fall gibt es keine gröberen gesellschaftlichen Konflikte deshalb, auch wenn es sicher viele gibt, die das zunehmende Duzen kritisch sehen. Schließlich schafft das "Sie" sprachlich eine gewisse Distanz, die durchaus gewünscht sein kann. Auf der anderen Seite empfinden es manche geradezu als unhöflich, nicht geduzt zu werden, nach dem Motto: "So alt bin ich doch gar nicht."

Dieses Beispiel zeigt auch, dass während eines solchen Aushandlungsprozesses des "gesunden Menschenverstandes" nicht nur mögliche Konflikte, sondern auch eine generelle Unsicherheit eine Konsequenz sein kann. Nicht genau zu wissen, ob man andere siezen oder duzen soll, kann eine Gesprächssituation etwas verkrampfen. Ein wirklich ernstes Problem ist es freilich nicht, und auch im Fall einer Grenzüberschreitung ist der Hinweis des Gesprächspartners, doch bitte beim "Sie" zu bleiben, maximal ein bisschen peinlich. In anderen Fällen zwischenmenschlichen Interagierens kann jedoch eine solche Grenzüberschreitung sehr wohl als störend, beleidigend, verletzend oder gar als belästigend empfunden werden.

Wie die Gesellschaft auf solche, gewollte oder unbeabsichtigte, Grenzüberschreitungen reagiert, hat sich sehr grundsätzlich verändert. Wie eine Botschaft oder eine Handlung beim Empfänger verstanden wird, hat signifikant an Relevanz gewonnen. Es geht nicht mehr primär darum, wie etwas gemeint war und ob sich der Sender innerhalb des Normenrahmens wähnte, sondern um die Wirkung beim Adressaten. Es ist die logische Konsequenz einer Entwicklung, in der sich das Individuum gegenüber der Gemeinschaft emanzipiert oder sogar privilegiert hat - was sich ja durchaus als zivilisatorischer Fortschritt deuten lässt.

Die Anzahl der Missverständnisse steigt

Daraus folgend ergibt sich in gewisser Weise auch eine Schuldumkehr bei Missverständnissen. Und das ist wichtig. Denn das Missverständnis spielt in der Kommunikation eine sehr bedeutende Rolle, da viele Konflikte, im Büroalltag, in einer Partnerschaft, unter Freunden oder zwischen einander Unbekannten, durch ein Missverständnis hervorgerufen werden. Neue Kommunikationsmittel, erst Mobiltelefone und Emails, zuletzt Chat-Dienste und Social Media, haben insgesamt zu einer Zunahme zwischenmenschlicher Interaktion geführt, womit naturgemäß auch die absolute Zahl der Missverständnisse gestiegen ist. Und also auch die Quantität von Konflikte.

Wo gehobelt wird, fliegen Späne, sagt man. Und wo viel miteinander kommuniziert wird, wird eben auch gestritten. Begünstigend wirkt vermutlich auch die fortschreitende Verschriftlichung der Kommunikation. Bei SMS, Chats und Internet-Postings fällt nicht nur die Tonalität, sondern auch die Gestik weg. Beides ist jedoch oft nötig, um eine Botschaft richtig lesen zu können. Die Dynamik in den Aushandlungsprozessen und die daraus folgende Unsicherheit dürften in Bezug auf Missverständnisse und Konflikte ebenfalls eine Rolle spielen.