Ein "Das hab ich nicht so gemeint" befreit nicht mehr unbedingt von der Verantwortung, das Gegenüber verletzt zu haben, auch wenn es Folge eines Missverständnisses war. Es ist eine Entwicklung, die auch kritisch kommentiert wird. Der Publizist und Kurator Thomas Edlinger hat in seinem Buch "Der wunde Punkt" geschrieben: "Die Kehrseite des legitimen Wunsches nach einem rücksichtsvollen und respektvollen Umgang miteinander zeigt sich darin, dass die Empfindungen überbewertet und sachliche Kritik unterbewertet wird."

Dem möglichen Zuviel der Empfindlichkeit heute, dem Edlinger den Begriff "Opfernarzissmus" widmete, steht ein wohl jahrzehnte oder gar jahrhundertelanges Zuwenig gegenüber. Dabei haben sich Menschen zu jeder Zeit verletzt, gekränkt, beleidigt oder belästigt gefühlt. Es gab jedoch viel weniger Verständnis dafür, wenn die Verletzungen und Kränkungen nicht aus Taten oder Worten resultierten, die weit außerhalb des Rahmens, also des "gesunden Menschenverstandes" waren. Es hieß dann eher: "Stell’ dich nicht so an" oder "Das hab ich nicht so gemeint." Und damit war dann Schluss.

Mobbing wird zu einem Tatbestand

Die Gesellschaft ist insgesamt empathischer geworden, und diese doch fundamentale Veränderung war auch sicher eine Voraussetzung dafür, dass sich erst von der Wissenschaft, später gesellschaftlich eine Vorstellung von Mobbing entwickeln konnte, die dann, noch einmal später, auch einen gesetzlichen Niederschlag gefunden hat.

Dabei geht es um fortgesetzte Schikanen an Personen, die meistens in spezifischen Aspekten von der Norm abweichen. Gemobbt wurde aber nicht erst seit den 1970ern, als der Mediziner Peter-Paul Heinemann erstmals dieses Phänomen beschrieb, sondern immer schon. Aber wurde es so wahrgenommen? Oder waren die wohlmeinenden Ratschläge an die Opfer eher von jener Sorte, sich doch "gefälligst anzupassen" oder sich "halt nicht unterkriegen zu lassen"? Für eine Gesellschaft aber, die auf ihre schwächsten Mitglieder Rücksicht nehmen will, ist es nur logisch, dass sie Gesetze und Strukturen schafft, um die Schwächsten zu schützen. Auch das ist als zivilisatorischer Fortschritt zu deuten.

Ein wichtiger Perspektivenwechsel

Dieser grundsätzliche Perspektivenwechsel, der den Empfänger ins Zentrum rückt, bedeutet insgesamt eine Verschiebung bestehender Machtstrukturen. Erstens zugunsten des Individuums im Allgemeinen, zweitens aber auch hin zu Bevölkerungs- und Personengruppen, deren Bedürfnisse sich im bestehenden Normenkodex kaum widerspiegeln, die also nicht Teil der Mehrheitsgesellschaft sind.

Hier geht es um die Frage der Teilhabe, und sie ist einer der zentralen Aspekte bei gesellschaftlichen und politischen Debatten zu Wertvorstellungen und in weiterer Folge auch zu Gesetzen: Wer beteiligt sich denn an diesen Aushandlungsprozessen, wenn von "der Gesellschaft" die Rede ist? Wessen Bedürfnisse spiegeln sich im "gesunden Menschenverstand" sowie auch in Gesetzen wieder?