Einen Hinweis darauf bietet die Entwicklung des Frauenanteils im österreichischen Nationalrat, der im Jahr 1986 erstmals die Zehn-Prozent-Marke übersprungen hat. Heute liegt er bei etwa 34 Prozent. In der Wirtschaft, in der Wissenschaft, in der Literatur, im Film, eigentlich egal, auf welche Bereiche man blickt, ist es nicht viel anders. Und wie sah und sieht es bei der vielleicht wichtigsten Institution aus, wenn es um Verhandlungen von gesellschaftlichen Wertvorstellungen geht: dem Stammtisch?

Frauen waren nicht Teil der Aushandlungsprozesse

Es ist offensichtlich, dass Frauen bis vor gar nicht so langer Zeit praktisch zur Gänze davon ausgeschlossen waren, die Rahmen des "gesunden Menschenverstandes" mitzuverhandeln. Der unter dem Schlagwort "metoo" firmierende kollektive Erfahrungsaustausch zu sexueller Belästigung hat dies noch einmal verdeutlicht. Die ehemalige Skirennläuferin Nicola Spieß-Werdenigg erzählte dem "Standard" unter anderem von gewalttätigen Riten in den 70er Jahren, die damals offenbar als Neckereien durchgingen. "Man dachte, das sei normal", schrieb Spieß-Werdenigg. Im Jahr 2017 las sich ihr Berichte eindeutig als sexualisierter Machtmissbrauch.

Die Schauspielerin Erni Mangold sagte zur "Kronen Zeitung": "Dieses metoo ist in unserer Generation in einer ganz anderen Form abgelaufen. Das war ja das Furchtbare, dass sich damals jeder Mann das Recht herausgenommen hat, über dich herzufallen. Ein Mann konnte der Frau auf den Hintern greifen oder ihr den Rock hochheben."

Erzählungen wie diese bedeuten natürlich nicht, dass derartige Verhaltensweisen auch zu der damaligen Zeit von allen als "normal" angesehen wurden, also tatsächlich innerhalb des Rahmens waren. Es ist aber anzunehmen, dass der Anteil jener, die daran Anstoß nehmen, heute bedeutend höher ist. Andererseits werden sich auch 2017 noch Männer wie Frauen finden, die ein solches Benehmen als nicht weiter schlimm empfinden. Aber sind sie in der Mehrheit? Dass sich hier viel verändert hat, ist evident.

Ein Kampf um die Deutungshoheit

Seit den 1980er wurde durch identitätspolitische Diskurse der Emanzipationsbegriff sukzessive auf andere Bevölkerungsgruppen erweitert, die sich an der gesellschaftlichen Peripherie befanden oder sich auch heute noch dort befinden; ethnische Minderheiten etwa, Transsexuelle oder Behinderte. Dabei ging es nicht nur um das Sichtbarmachen dieser Gruppen, sondern auch um die Forderung nach Inklusion.

Auch wenn es sehr diverse Gruppen sind, haben sie doch gemeinsam, dass sie nicht Teil der Mehrheitsgesellschaft sind und daher auch kaum an den Aushandlungsprozessen partizipieren konnten. Während daraus schon in den frühen 90ern ein politischer Konflikt zwischen progressiven und konservativen Kräften entbrannte (und die Sprache durch Debatten zur Political Correctness zum Kampfgebiet wurde), wird in jüngerer Vergangenheit auch in linken und liberalen Medien Identitätspolitik zunehmend kontrovers diskutiert und zum Teil als Irrweg gedeutet, der rechten Parteien und Demagogen einen Humus für deren Wahlerfolge bietet.