1968 - ein Jahr der Morde und Massaker

Nun geschah damals einiges, was die Vorstellung, man erlebe gerade einen Weltkrieg der Klassen, zu bestätigen schien. 1968 war auch ein Jahr der Morde und Massaker:

Am 3. April 1968 verüben Andreas Bader und Gudrun Ensslin, die späteren Terroristen der RAF ("Rote Armee Fraktion"), erstmals einen Brandanschlag auf ein Kaufhaus in Frankfurt am Main.

Am 4. April 1968 wird der Pfarrer Martin Luther King, ein prominenter Sprecher der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, in Memphis ermordet.

Am 11. April wird Rudi Dutschke, deutscher "Berufsrevolutionär" und Wortführer des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), bei einem Attentat in Westberlin schwer verletzt.

Am 5. Juni wird Robert Kennedy im Vorwahlkampf um das amerikanische Präsidentenamt von dem palästinensischen Einwanderer Sirhan Sirhan ermordet.

Am 2. Oktober 1968 eröffnen Polizisten in Mexiko-Stadt das Feuer auf friedlich demonstrierende Studenten und ermorden 200 bis 300 Menschen (diese Zahlen werden von Wikipedia als "wahrscheinlich" genannt, gesichert sind sie nicht, da dieses Massaker niemals unvoreingenommen untersucht worden ist). Zehn Tage später beginnen in Mexikos Hauptstadt die Olympischen Spiele.

Pariser Mai -
Prager August

Trotz dieser bedrohlichen Aspekte wurde und wird "1968" gern als Kürzel für Befreiung, gesteigerte Lebensfreude und Zukunftshoffnung eingesetzt. Das ist wohl vor allem dem sogenannten "Pariser Mai" zuzuschreiben, den man in vieler Hinsicht als Höhepunkt der internationalen Revolte auffassen kann. Soziologisch betrachtet, wurde die 68er-Bewegung weltweit getragen von der Hochschülerschaft, die durch die internationale Modernisierung und Expansion der Bildung massenhaft an die Universitäten drängte, deren traditionell elitäre und exklusive Verfassung dem Ansturm keineswegs gewachsen war. Der Kampf um Verbesserung der Studienbedingungen gehörte folglich überall zum harten Kern der 68er-Bewegung - verewigt in einem der witzigsten Slogans der deutschen Studentenbewegung aus dem Jahr 1967: "Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren".

Auch in Paris waren studentische Belange der Auslöser für große Demonstrationen. Die Bilder der wuschelköpfigen jungen Revolutionäre und ihrer attraktiven Genossinnen im Minirock auf Barrikaden gingen um die Welt und verschafften der revolutionären Jugendbewegung Sympathien ("1968" war auch in hohem Maße ein Medienereignis, darüber wird man hoffentlich im kommenden Gedenkjahr auch einiges erfahren). Dann aber geschah in Frankreich das, was sich die revoltierenden Studenten anderswo meist vergeblich wünschten: Der Protest griff auf weite Teile der Arbeiterschaft über, ein Generalstreik war die Folge, die Regierung wurde zu Reformen gezwungen. Auch deshalb ist der "Pariser Mai" in der Geschichte der sozialen Bewegungen als ebenso heroisches Datum vermerkt wie die Pariser Kommune von 1871 und die Französische Revolution von 1789.