Während das bürgerlich-kapitalistische "Establishment" - gewiss nicht ohne Schwierigkeiten und Widerstände - zu lernen begann, auf massive Provokationen liberal und flexibel zu reagieren, zeigten die Machthaber im kommunistischen Osteuropa genau die ideologische Starrheit, die ihnen im "Kalten Krieg" nachgesagt wurde: Im Jänner 1968 wurde in der Tschechoslowakei der Reformkommunist Alexander Dubček zum Parteisekretär gewählt. Er und seine Regierung strebten eine weitgehende Demokratisierung und Liberalisierung der tschechoslowakischen Gesellschaft und Wirtschaft an. Parallel zum "Pariser Mai" blühte also im Osten ein "Prager Frühling". Der sowjetischen Regierung unter Leonid Breschnew gingen die Reformbestrebungen der tschechischen Politiker allerdings bald zu weit. Am 21. August marschierten Truppen des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei ein und bereiteten dem Reformkommunismus Prager Prägung ein gewaltsames Ende.

Was ist von
1968 geblieben?

Dieser wahrhaft imperialistische Akt einer Hegemonialmacht stieß in Westeuropa auf Widerspruch. Vielen Achtundsechzigern freilich fiel das Protestieren in diesem Fall sehr schwer. Ihnen erschien jede Kritik am Kommunismus, auch wenn sie noch so begründet war, als gefährlich, weil sie dem Klassenfeind nützen könnte. Und so wurden zur Zerschlagung des tschechischen Experiments von westeuropäischen Linken merkwürdig gewundene Erklärungen abgegeben, die zwar eine militärische Invasion nicht guthießen, es aber doch für möglich hielten, dass in der Tschechoslowakei konterrevolutionäre Kräfte am Werk gewesen sein könnten. Für die Kämpfe und Schwierigkeiten der osteuropäischen Dissidenten hatten die westeuropäischen Linken in der Regel wenig Verständnis - auch das wäre ein lohnendes Thema für einen Gedenkartikel im kommenden Jahr.

Die meisten Achtundsechziger waren (und sind) intellektuelle Köpfe, die mit dem Schreiben weniger Schwierigkeiten haben als mit dem Handeln. Gerade im deutschsprachigen Raum entstand im Lauf der Jahre eine kaum zu überblickende Aufarbeitungs- und Erinnerungsliteratur, die das Jahr 1968 aus verschiedenen Blickwinkeln darstellte und dabei teils erklärte, teils verklärte. Manche Autorinnen und Autoren zeigten sich selbstkritisch oder sogar reumütig, weil die studentischen Unruhen auch den Boden bereitet hatten für terroristische Gruppen wie die "Rote Armee Fraktion" in Deutschland oder die "Brigate Rosse" in Italien, die Gewalt und Mord als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele einsetzten. Andere jedoch verurteilten jede Art von Selbstkritik als Verrat an den linken Idealen, die doch in der Friedens- und Umweltschutzbewegung weiterentwickelt wurden und heute in der Zivilgesellschaft wirksam sind.

Eine Überzeugung stellen die meisten Achtundsechziger jedoch bis heute nicht in Frage: Ihre Altersgruppe, die in den späten sechziger Jahren "an den Schlaf der Welt rührte" (wie eine geläufige Selbstdeutungsfloskel behauptet), gilt ihnen als etwas ganz Besonderes. Keine frühere, aber auch keine spätere Jugend sei so bildungsbeflissen gewesen wie die ihre, so liest man immer wieder in 68er-Büchern, keine so lektürewütig, so veränderungswillig, so popmusikalisch und kinosüchtig und zugleich so theoriebewusst. Diese Generationen-Gewissheit drückte sich in den späten Sechziger Jahren in der kecken Forderung "Trau keinem über dreißig!" aus, während man heute den Eindruck haben kann, manche der ergrauten Einstmals-Revolutionäre lebten nach der Parole "Trau keinem unter sechzig".