Welche sozialen, ethischen, kulturellen und politischen Konsequenzen ergeben sich daraus?

Gesellschaftlich gilt es das Streben nach "Perfektionierung" des Menschen kritisch im Auge zu behalten – aus Achtung der Menschenwürde aller Menschen und aus Anerkennung der Verletzbarkeit als Teil der menschlichen Existenz. Auch verdient der massive Druck soziale Aufmerksamkeit, wenn beispielsweise eine Firma anbietet, dass sich ihre Mitarbeitenden "freiwillig" Implantate einoperieren lassen können. Besteht hier noch wirklich eine Wahlfreiheit für die Arbeitnehmenden, sich dieser technischen "Optimierung" zu entziehen? Aus ethischer Sicht gilt es, Chancen und Risiken des technologischen Fortschritts zu identifizieren und deren Nutzung bzw. deren Meisterung zu unterstützen bzw. einzufordern – dies im Austausch mit der kulturellen und politischen Dimension. Ersterer könnte sicherlich den Blick auf gegenwärtige und zukünftige Realitäten schärfen, letztere konkrete Schritte unternehmen, um alle Menschen gleich und gerecht an den Vorteilen von KI partizipieren zu lassen und alle Menschen und die Umwelt vor Nachteilen von KI zu schützen.

Oder wird es neuer Rahmenbedingungen und Regelwerke bedürfen?

Es braucht neue rechtliche Rahmenbedingungen und Regelwerke. Ich verstehe dies in Analogie zur Nukleartechnologie. Auch dort hat sich die Menschheit zu ihrem eigenen Schutz und aus Sorge um die Erde selbst Grenzen gesetzt und nicht einfach blind das technisch Machbare verfolgt und verwirklicht. Für diesen normativen Rahmen sollten die Menschenrechte als bereits rechtlich verbindlich geltende universale Normen die Basis bilden. Dabei erweist sich als gute Nachricht, dass das Rad nicht neu erfunden werden muss, sondern dass wir uns an den bestehenden Menschenrechtsprinzipien und -normen orientieren können, die auf die neuen technologiebasierten Verletzungen und Unrechtserfahrungen zu adaptieren sind.

Ist die Zeit reif, dass neben der IT-Branche auch verstärkt Geisteswissenschaftler in die Fragen der technologischen Zukunft eingebunden werden?

Das ist sicherlich der Fall und muss noch umfassender geschehen. Erste kleine Schritte in eine gute Richtung werden bereits unternommen – sei es in der interdisziplinären Forschungszusammenarbeit zwischen Technologiedisziplinen und der Ethik an den Universitäten, sei es z. B. in einer Arbeitsgruppe (in der ich mitwirken darf) des Institutes of Electrical and Electronics Engineers IEEE, die einen Standard zur Berücksichtigung von ethischen Fragen bei der Entwicklung von IT-Systemen und Software erarbeiten soll. Das IEEE ist der weltweit grösste technische Berufsverband. Meine Hoffnung ist, dass dieser Standard dazu beiträgt, dass bereits in der Entwicklung und im Design von Maschinen ethische Prinzipien und Normen berücksichtigt werden.