Frau an der Macht: Kaiserin Maria Theresia, Porträt von Martin van Meytens, 1759. - © creative commons
Frau an der Macht: Kaiserin Maria Theresia, Porträt von Martin van Meytens, 1759. - © creative commons

Es sollte heutzutage für jeden Biografen eine Selbstverständlichkeit sein, das überkommene Charakterbild der Persönlichkeit, das er (nach)zeichnet, zu hinterfragen, überprüfen und ergänzen. Ohne sorgfältiges Quellenstudium ist das nur schwer möglich. Das gilt natürlich auch für Maria Theresia, die im Kollektivbewusstsein der Österreicher als Magna Mater Austriae fest verankert ist.

Die Habsburg-Expertin Katrin Unterreiner ist in ihrem Buch zum 300. Geburtstag Maria Theresias "ad fontes" gegangen und hat im Haus-, Hof- und Staatsarchiv Aktenberge durchforstet, Tagebücher einiger Zeitgenossen, Korrespondenz der Herrscherin mit ihren Kindern, Denkschriften, Memoiren und einschlägige diplomatische Berichte gelesen. Es ist ihr gelungen, einige bislang unveröffentlichte handschriftliche Kostbarkeiten aufzustöbern. Gratulation.

Für ihre Darstellung hat sich die Autorin ein eher unübliches Konzept zurechtgelegt. Sie hat einen chronologischen Fragenkatalog ausgearbeitet und gibt auf jede Frage eine mehr oder minder ausführliche Antwort. Dieses Frage- und Antwortspiel ergibt ein Gesamtbild ihrer Persönlichkeit.

Maria Theresia trat nach dem überraschenden Tod ihres Vaters 1740 aufgrund der "Pragmatischen Sanktion", die nicht auf sie gemünzt war, völlig unvorbereitet die Nachfolge in den habsburgischen Erblanden an. Mit Mut und Entschlossenheit vermochte sie jedoch, die Zerstückelung des Habsburgerstaates zu verhindern.

Lob und Tadel

Sie war damals bereits mit Franz Stephan von Lothringen verheiratet, den sie von ganzem Herzen liebte. Der Gemahl war zwar ein Charmeur, aber ein Finanzgenie. Er häufte im Laufe von ein paar Jahrzehnten ein riesiges Kapital- und Immobilienvermögen an, das er mit kluger Hand verwaltete.

Ihre 16 Kinder erzog die Regentin nicht selbst und sie hatte auch nicht alle gleich lieb. Marie Christine war ihr Herzbinkerl, Marie Antoinette ihr Sorgenkind. Mit Josef II., dem Thronfolger, verstand sie sich überhaupt nicht. Maria Theresia kannte die Eigenschaften ihrer Sprösslinge sehr genau. Sie arbeitete für jedes Kind ein individuelles Erziehungs- und Ausbildungsprogramm aus, an das sich der jeweilige Mentor zu halten hatte. Sie suchte auch die Ehepartnerinnen und -partner aus, wobei sie kompromisslos der Staatsräson den Vorzug gab. Eine Liebesheirat durfte nur Marie Christine eingehen. Die Grundpfeiler ihres pädagogischen Credos waren Frömmigkeit, Gehorsam und Disziplin. Maria Theresia hörte nicht auf, ihre Kinder zu tadeln und zu loben. Selbst als sie bereits erwachsen und verheiratet waren, sparte sie nicht mit Ratschlägen, Vorwürfen und Zurechtweisungen.

Sobald es die politische Situation erlaubte, nahm Maria Theresia, von renommiertem Experten beraten, den Umbau ihres vielgestaltigen Reiches in Angriff. Im Wesentlichen ging es darum, den Einfluss der Stände zurückzudrängen und die Steuereinnahmen zu erhöhen. Die Verwaltung wurde zentralisiert, die Privilegien des Adels und der Kirche abgeschafft oder beschnitten, das Leben der Bauern erleichtert, die allgemeine Schulpflicht eingeführt, die Schlagkraft des Heeres erhöht.

Die Monarchin ließ sich dabei von staatlichen Überlegungen und Notwendigkeiten und nicht von aufklärerischen Ideen leiten. Von der Aufklärung wollte sie nichts wissen. Sie war in ihrem Herrschafts- und Lebensstil noch ganz dem Barock verpflichtet. Maria Theresia war leutselig, liebte aber prunkvolle Feste und Inszenierungen. Sie war in mancherlei Hinsicht intolerant. Das Wort Toleranz kam in ihrem Wortschatz nicht vor. Die tiefgläubige Katholikin verwies Juden und Protestanten des Landes. Der Tod ihres Gemahls im Jahr 1765 traf sie mitten ins Herz. Sie trug von da an nur noch Trauerkleidung. Die außergewöhnliche Herrscherin verstarb am 29. November 1780, Todesursache: Lungenentzündung.

Ein exakt recherchiertes, gut lesbares Buch, dem man viele Leser wünscht.