Die Regentin war für van Swieten die Autorität. Er fügte sich ihren Weisungen auch dann, wenn er anderer Meinung war.

Als äußerst aufreibend stellte sich seine Tätigkeit als Vorsitzender der 1751 von Maria Theresia neu eingerichteten "Bücherzensur-Hofkommission" heraus. Diese sollte eine staatlich gelenkte Zensur ermöglichen und dabei den bisherigen Einfluss der Kirche, besonders den der Jesuiten, zurückdrängen.

Entscheidungen der Zensurkommission erfolgten zu keinem Zeitpunkt eigenmächtig, sondern passierten mehrere Instanzen, bis hin zur letztgültigen Entscheidung durch die Regentin. Es war schwierig, einheitliche Kriterien für die Zensur zu entwickeln. Mitunter hob die Monarchin bereits gefällte Beschlüsse aufgrund kirchlichen Drucks auf. Sie ließ auch Werke, für die sich van Swieten eingesetzt hatte, verbieten. 1764 erklärte van Swieten der Kaiserin erbittert, "dass er die harte Last der Zensur nun durch dreizehn Jahre schleppe". Persönlich betroffen war er jedoch von Maria Theresias Kritik an der Arbeit der Zensurkommission. Daraufhin bat er um seine Entlassung. Maria Theresia konnte ihn aber wieder beruhigen.

Erst 1771 zog sich van Swieten alters- und gesundheitsbedingt schrittweise aus der Zensurkommission zurück. Bis zu diesem Zeitpunkt führte er für die von ihm persönlich geprüften Werke einen eigenen handschriftlichen Katalog. In diesem Verzeichnis, das sich heute in der Österreichischen Nationalbibliothek befindet, vermerkte van Swieten die bibliografischen Daten der geprüften Werke und ergänzte diese mit stenographischen Notizen. Dazu verwendete er die "Tacheographia" von Charles Aloysius Ramsay. Da der Katalog der verbotenen Bücher das Verbotene besonders hervorhob und es somit interessant machte, wurde 1777 sogar der Katalog verboten.

Van Swietens älterer Sohn Gottfried war zunächst Gesandter in Berlin, dann Hofbibliothekar und anschließend Präses der Studienhofkommission. Er wurde auch als Musikkenner und Förderer Haydns, Mozarts und Beethovens bekannt. Van Swietens jüngerer Sohn Gilbert wirkte als Auditor (Prüfer) an der Rechnungskammer in Brüssel.

Der Wiener Hof beschäftigte an die 30 Heilpersonen: Leibmedici, Hofmedici, Leibchirurgen, Hofchirurgen, ja sogar einen eigenen Jagd- und einen eigenen Zahnchirurgen sowie einen Hofapotheker in der Hofapotheke. Über alle diese Personen gab Maria Theresia ihrem Protomedikus volle Autorität. Diese hatte van Swieten auch bei Maria Theresias zahlreichen Entbindungen, die er allein, unter Assistenz einer Hebamme, leitete. Eifersüchtige Höflinge kritisierten, dass man "die Kaiserin der bloßen Willkühr der Hebamme und des Protomedici van Swieten überlassen habe". Dabei bedeutete gerade dies für Maria Theresia eine enorme Erleichterung. Waren doch bis zum Eintreffen des Holländers Entbindungen höfisch inszeniert. Diese Tradition des "Zuschauens" schaffte van Swieten ab.

Van Swietens Fähigkeiten lagen vor allem im Organisatorischen. Der bekannte Wiener Chirurg und Medizinhistoriker Leopold Schönbauer sah in dem Holländer mehr "einen Diätetiker als einen erfolgreichen Therapeutiker" und meinte, man könne "bei van Swieten kaum von besonderen Erfolgen seiner Behandlung in der kaiserlichen Familie sprechen". Fest steht jedoch, dass van Swieten die Bedeutung der Impfungen erkannte und sich gegen Impfgegner behaupten musste. Mit Hilfe eines holländischen Kollegen und der Zustimmung der Regentin hat van Swieten im September 1768 der Einimpfung von Pocken den Weg geebnet. Maria Theresia förderte die Impfungen nachdrücklich und es entstanden Impfanstalten auch für die Mittellosen.

Versäumnisse

Aber selbst ein so gewissenhafter Arzt und Gelehrter wie van Swieten zeigte Schwächen. Merkwürdigerweise übersah er die bedeutende Begabung seines Schülers Leopold Auenbrugger, dem Begründer der physikalischen Diagnostik durch Perkussion (Beklopfung der Brust). Auenbrugger, Primarius am damaligen "Spanischen Spital", musste bis an sein Lebensende auf Anerkennung warten. Behandelte doch van Swieten in seinen zwischen 1764 und 1772 verfassten berühmten "Kommentaren" unter anderem die Lungenschwindsucht, ohne die Perkussion auch nur zu erwähnen.

Ähnlich erging es dem Luxemburger Arzt Adam Chenot (promoviert in Wien 1759, gestorben 1789), der als Pestarzt in Siebenbürgen wirkte und 1766 seinen "Tractatus de Peste" veröffentlichte. Van Swieten und die Fakultät, die von der Pest nicht viel wussten, ignorierten Chenots Warnungen und Erkenntnisse. Erst Joseph II. erkannte die Bedeutung von Chenots Forschungen.

Maria Theresia besuchte van Swieten bis zu seiner letzten Stunde. Am 19. Juni 1772 starb Gerard van Swieten 72-jährig im Schloss Schönbrunn. Maria Theresia ließ nach seinem Tod unter anderem eine Medaille zu seinem Andenken prägen und ein Grabmal in der Georgskapelle der Augustinerkirche errichten.

Seit Mai 1888 kann man die einflussreichsten Berater der Kaiserin lebensgroß auf dem Maria-Theresien-Denkmal in Wien am gleichnamigen Platz bewundern. Neben Graf Haugwitz, Fürst Kaunitz, Freiherr von Sonnenfels repräsentiert Gerard van Swieten dort bis heute die Wissenschaft seiner Zeit.

Literatur

Karin Jilek, Die Theresianische Zensur unter Gerard van Swieten. In: Maria Theresia, Habsburgs Mächtigste Frau, (= Ausstellungskatalog Wien 2017), S. 60-70.

Irene Kubiska-Scharl, Maria Theresia und ihr Hof. In: ebenda, S. 78-88.

Erna Lesky, Meilensteine der Medizin, Wien 1981.

Leopold Schönbauer, Das Medizinische Wien, Wien 1954.