Die Zeiten der Trockenhaube sind vorbei, Friseure von heute stehen vor neuen Herausforderungen: Qualifizierten Nachwuchs zu finden, ist schwierig; gute Lehrbetriebe sind ebenfalls rar. - © fotolia
Die Zeiten der Trockenhaube sind vorbei, Friseure von heute stehen vor neuen Herausforderungen: Qualifizierten Nachwuchs zu finden, ist schwierig; gute Lehrbetriebe sind ebenfalls rar. - © fotolia

Wien. Die Kundinnen kommen nicht mehr jede Woche zum Waschen, Legen, Föhnen, also hat die Friseurin als beliebtester Lehrberuf ausgedient - könnte man meinen. Tatsächlich herrscht ein großes Missverhältnis: Während jährlich in Österreich rund 1800 junge Frauen - und auch immer mehr Männer - eine Lehre im Frisiersalon beginnen, schrumpft die Zahl der angehenden Friseure rapide: Die Berufsschulen klagen über sinkende Schülerzahlen, aktuell gibt es österreichweit mehr als 500 freie Lehrstellen. Über wenige Bewerber können sich die Salons zwar nicht beklagen, sehr wohl aber über die Qualifikation der Lehrlinge: Es heißt, viele junge Menschen würden nicht einmal die Grundkenntnisse beim Lesen oder Rechnen mitbringen.

Ein Beruf kämpft

um sein Ansehen

"Der Beruf hat an Ansehen verloren", sagt Martin Klinka, Lehrer an der Berufsschule für Haar- und Körperpflege Goldschlaggasse in Penzing. In der größten Ausbildungsstätte des Landes drücken 1000 junge Menschen die Schulbank, während sie in den Betrieben ihre Lehre zu Kosmetiker, Friseur oder Fußpfleger machen - vor fünf Jahren waren es noch 400 Schüler mehr.

Klinka macht für das schwindende Ansehen des Berufs auch die Jugendlichen verantwortlich, die zwar in den Beruf drängen, aber oft nicht bereit sind, mehr zu leisten als "Dienst nach Vorschrift". Außerdem ortet er Qualitätsmängel in der Lehre: Viele Betriebe würden Lehrlinge vor allem dazu einsetzen, den Salon sauber und in Schuss zu halten. Färben, Ballfrisuren stecken, Smalltalk: Nur sehr wenige, große Salons haben ein Ausbildungssystem, bei dem den Lehrlingen mitgegeben wird, was sie im Job brauchen.

"Es ist sehr demotivierend, wenn man im zweiten oder dritten Lehrjahr ist und noch immer nicht schneiden kann", sagt auch Siri Kamleithner, Friseurmeisterin und Inhaberin von "Haareszeiten" im 14. Bezirk. Die Friseurlehre sei auf einem sehr niedrigen Niveau, deshalb gebe es auch nur wenig gut qualifiziertes Personal. Die Friseure würden sich kaum Zeit für die Lehrlinge nehmen. Da heiße es nur: aufwischen und Kaffee holen.

Kamleithner machte die Friseurausbildung im zweiten Bildungsweg. Sie besuchte eine private Schule in Wien, wo sie lernte, mit einer Haarschneideachse (einem amerikanischen Schneidesystem, bei dem die Haare mithilfe einer Achse wie beim Globus-Zeichnen geschnitten werden) zu arbeiten. Die Schule musste sie selbst bezahlen. Gelernt hatte sie zuvor Maskenbildnerin. "Wirklich gute Friseure sind in Wien Mangelware", meint Kamleithner. "Ich höre von so vielen, dass sie mit ihrem Friseur unzufrieden sind. Das sollte man nicht glauben."

Als sie damals mit 22 Jahren bei Läden um einen Lehrjob ansuchte, wurde sie von allen abgelehnt. "Keiner hat mich genommen, weil ich zu alt war, obwohl ich motiviert war. Ich habe sogar angeboten, gratis zu arbeiten." Mit ihrem neuen Salon in der Breitenseer Straße in Penzing möchte sie es besser machen.

Bundeskanzler Faymann punktet mit seinem Haar

Gegenüber seinen Schülern betont Berufsschullehrer Klinka, wie wichtig Allgemeinbildung ist, um mit den Kunden über mehr sprechen zu können als "über Facebook und übers Fortgehen". Deshalb hat er das Projekt "Classroom 20.20" ins Leben gerufen: Besuche in Staats- und Volksoper, Nationalbibliothek und -bank stehen auf dem Stundenplan, es wird mit Medien kooperiert - unter anderen mit der "Wiener Zeitung".

Für Februar wurde Bundeskanzler Werner Faymann für einen Schulbesuch angefragt. Neben der Politik würde sich mit ihm auch seine Frisur als Gesprächsthema anbieten - schließlich wurde Faymann im Frühjahr 2013 aufgrund seiner Haarpracht in die Top Ten der modischsten "World Leader" aufgenommen. Fazit des deutschen Magazins "Vanity Fair": "Manchmal ist ein Anzug nur ein Anzug - aber volles Haar bei einem 52-jährigen Mann ist immer eine Visitkarte."