Befindlichkeit und Welt-Kommentar: Erwin Wurms "Petrol Asthma", entstanden 2017/2018 auf den Bahamas. - © Studio Erwin Wurm
Befindlichkeit und Welt-Kommentar: Erwin Wurms "Petrol Asthma", entstanden 2017/2018 auf den Bahamas. - © Studio Erwin Wurm

Fettleibige Autos, fließende Wolkenkratzer und Segelboote, auf dem Kopf stehende Häuser, Möbel im Schmalformat und mit Strickware ausgekleidete Räume - es ist vor allem seine Arbeit mit einem erweiterten Skulpturbegriff, die Erwin Wurm auszeichnet. Es sind Werke, die in Wurms Studio entstehen, bei denen eine Gruppe von Menschen von der Idee bis zur Fertigstellung der oft großformatigen Skulpturen beteiligt ist.

Bei Erwin Wurms gezeichnetem Werk sieht das anders aus. Es ist im Schaffensprozess wesentlich näher an Wurm selbst, stammt ausschließlich aus seiner Hand. Zudem zeichnet Wurm so gut wie täglich. Papier und Technik variieren entsprechend. Gemalt wird mit allem, was gerade vor Ort ist. Bei dem gut 650 Werke umfassenden Konvolut handelt es sich jedoch nicht nur um bloße Vorstudien zu späteren Skulpturen. Ein Großteil der Blätter steht für sich. Für Wurm sind sie "das täglich Brot des Künstlers", die unmittelbarste Möglichkeit, "mich der Welt zu stellen".

Blick in den eigenen Spiegel

Diese Welt fängt sehr oft beim Künstler selbst an, Wurm ist sich das am häufigsten gezeichnete Modell. Es sind daher auch die Werke, von denen sich Wurm am schwersten trennt. Die Albertina widmet sich erstmals diesem Fokus auf sein Schaffen und zeigt eine Auswahl von 300 Zeichnungen auf Papier. Etwa 400 Stück bilden ein Künstlerbuch, das auch Ausgangspunkt der Schau war. Die Albertina ließ Erwin Wurm 50 Stück aus den gezeigten Papierwerken frei als Schenkung auswählen.

Bleistift, Bunt- oder Graphitstift, Aquarell, Kugelschreiber, Filzstift - technisch sind die thematisch von Kuratorin Antonia Hoerschelmann zu Gruppen arrangierten Zeichnungen sehr vielfältig. Was sie eint, ist der Blickwinkel. Meist fokussiert Wurm auf ein Detail, auf eine Perspektive, auf eine spezielle Form der Verzerrung. Dieser Fokus liegt bei einem Großteil der Bilder auf den überdimensionalen Köpfen, genauer den Gesichtern. Das Antlitz, so Wurm beim Presserundgang, interessiere ihn am meisten: "Ich gehe an Gesichter heran wie an Landschaften." Das Ergebnis sind markante Charaktere und ausdrucksstarke Blicke - durchzogen von detailreichen Furchen, Erosionen und Deformationen. Der Rest des Körpers bleibt dagegen oft nur grobe Skizze.

Was die Bilder auch eint: Sie haben allesamt Spielarten des Absurden zum Thema - und entlarven damit dessen Alltäglichkeit und Allgegenwart. In der Bildergruppe mit Schusswaffen zeigt sich, wie ernst und wenig komisch dieses Entlarven ist. Wenn eine Frau mit blauem Kopf und leerem Blick mit einem blassen Revolver auf den Betrachter zielt; wenn ein kopfloser Mann ein rauchendes Gewehr in Händen hält; oder im "horny hunter", dessen Flinte im Anschlag den gleichen Umriss hat wie sein durch die gewölbte Hose erkennbarer erigierter Penis.

Private Einblicke

In diesen Sujets, aber auch in Porträts prägender Persönlichkeiten von Freud über Mann bis Chopin, zeigt sich der Gegenwartskommentar, den Wurm mit einschließt. Plakativ sind seine Verzerrungen selten, vordergründig politisch schon gar nicht. Sie sind vielmehr ein persönlicher, an ein künstlerischer Tagebuch gemahnender Reflexionsraum, der die Welt des Erwin Wurm abbildet - inklusive der Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung, wie ein Bild einer grün gekleideten Dame mit der Beschriftung "Mutti" zeigt. Vertreten sind hier auch die "One Minute Sculptures", in denen Wurm Menschen mit Handlungsanweisungen versieht, sich selbst zur Skulptur zu machen. Auch auf andre Werke verweisen die Zeichnungen - etwa auf die "Selbstporträts als Gurke".

Wie die Zeichnungen mit dem Leben des Künstlers verwoben sind, zeigen die "Asthma"-Bilder. Auf einen Asthmaanfall im "Plenty & Peace"-Hotel auf den Bahamas, das auch der Schau ihren Namen gab, reagiert der Künstler weniger mit existenzieller Panik als mit einem mitleidlosen Blick auf die Auseinandersetzung mit Atemlosigkeit - meist symbolisiert von Zigaretten, die den Figuren mitunter alle Körperöffnungen verschließen.

Auf Bildunterschriften oder Erklärungen verzichtet die Schau. Wurms Werk - für Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder der Inbegriff eines "Absurden Theaters" in der Kunst - soll und darf unkommentiert wirken.