Peking. Es ist früh am Morgen, die Sonne bricht sich noch mühsam ihren Weg durch die Smogglocke, und schon haben sich vor den Kassen des Palastmuseums in Peking lange Schlangen gebildet - wie jeden Tag. Es ist eine Ironie, dass die Verbotene Stadt, die einst ausschließlich dem Kaiser, seinen Konkubinen und dem Hofstaat vorbehalten war, heute eines der meistbesuchten Museen der Welt ist. Im Jahr 2017 wurden knapp 17 Millionen Besucher gezählt, längst musste ein Limit von maximal 80.000 Besuchern pro Tag eingeführt werden.

Für Chinesen ist die Besichtigung des 72 Hektar großen Palastes nationale Pflichterfüllung sowie wehmütig-nostalgischer Blick in eine glanzvolle Vergangenheit. Die Anlage ist ein raffiniertes Kunstwerk voller Anspielungen und Symbole, die der Weltsicht der kaiserlichen Herrscher entsprachen: ein annähernd rechtwinkeliger Grundriss, ausgerichtet an einer Nord-Süd-Achse nach dem Prinzip von Yin und Yang, bestehend aus 890 Gebäuden mit geschwungenen Pagodendächern in der kaiserlichen Farbe Gelb. Das wirkt noch heute beeindruckend und monumental - jedoch auf merkwürdige Weise leer und ohne Leben, als ob man eine Hülle ohne Innenleben besuchen würde.

Wer sich als Besucher ohne Hintergrundwissen fragt, wo denn die kaiserlichen Schätze und Reichtümer geblieben sind, muss 1800 Kilometer südöstlich auf die Insel Taiwan fliegen. Dort, am Rande der Hauptstadt Taipeh, steht das Nationale Palastmuseum, das seit 1925 die weltweit größte Sammlung chinesischer Kunstwerke beherbergt. Dabei reicht die Ausstellungsfläche nur für einen Bruchteil der insgesamt 697.490 Exponate, die gesamte Sammlung wäre viel zu umfangreich, weshalb der Bestand aus Jade, Porzellanwaren, Gemälden und Bronzestücken regelmäßig ausgetauscht wird.

Resultat einer Scheidung

Mittlerweile gibt es auch einen Ableger im Süden der Insel, wo mit dem "Jadekohl" das berühmteste Exponat ausgestellt wird: eine etwa 19 Zentimeter große Schnitzerei aus einem Stück grün-weißer Jade. Es gibt noch wertvollere Gegenstände wie die 900 Jahre alte, monochrome Vase, unter deren weißer Glasur allerfeinste Linien verlaufen - mit haardünnen Messern als zartes Relief eingeritzte Lotusblüten.

Die elegante Schlichtheit des Palaststils steht im Gegensatz zur dekorationsbetonten, für die Außenwelt bestimmten Architektur der Verbotenen Stadt. Die Teilung des kaiserlichen Nachlasses ist allerdings keine Stilfrage, sondern das Resultat einer sehr blutigen Scheidung, bei der Peking das Haus behalten hat und Taipeh den Hausrat.