Als in den Jahren 2008 bis 2012 im Museumsdorf Niedersulz das aus dem – ebenfalls im Weinviertel befindlichen – Ort Gaiselberg stammende Schulhaus aus Kaisers Zeiten aufgebaut und darin eine entsprechende Ausstellung konzipiert wurde, konnten sich die Kuratoren sehr wesentlich auf den fachmännischen Rat von Friedrich Wendy stützen. Im Jahr 1952, in dem er seinen Lehrdienst begonnen hatte, war der schulische Alltag jenem aus der Monarchie noch viel ähnlicher als dem Unterricht in unseren Tagen.

Das Volksschulhaus selbst war im Jahr 1808 in Gaiselberg errichtet worden. "Die Alten haben überliefert, dass kurz nach Eröffnung die Truppen Napoleons darin gehaust haben", sagt Wendy, der etliche Male im Jahr Führungen macht und nach Vereinbarung für Sondertermine zur Verfügung steht. Beigeordnet ist der Schule ein Stall, in dem der Lehrer anno dazumal seine Geißen hielt, und ein Schulgarten. Weil die Bezahlung der Lehrkräfte nicht gerade üppig gewesen ist, versorgten sie sich in solcher Weise selbst. Der Schulgarten stand darüber hinaus für unterrichtliche Zwecke in Verwendung. Die Mädchen lernten dort Gemüse und Kräuter zu ziehen, den Buben wurde das Veredeln von Bäumen (weinviertlerisch: "Pözn") beigebracht.

Oberschullehrer a. D. Friedrich Wendy im alten Schulhaus in Niedersulz. - © Johann Werfring
Oberschullehrer a. D. Friedrich Wendy im alten Schulhaus in Niedersulz. - © Johann Werfring

Das Weinfass für den Schulmeister

Als Deputat erhielt der Lehrer von der Gemeinde darüber hinaus jährlich ein Fass voll Wein. Bei den Kellerpartien versuchten die Bauern den Lehrer, der ja eine Respektperson im Ort war, aus der Reserve zu locken. "Die hätten es gerne gesehen, wenn ich dabei über den Durst getrunken hätte", schildert Oberlehrer Wendy, denn das wäre der Auftakt für einen monatelangen Dorftratsch gewesen.

Die Gaiselberger Schule aus dem Jahr 1808 im Museumsdorf Niedersulz. - © Johann Werfring
Die Gaiselberger Schule aus dem Jahr 1808 im Museumsdorf Niedersulz. - © Johann Werfring

In der Lehrerwohnung, die ebenfalls Teil der Entlohnung war, sind allerlei Gerätschaften zu sehen, die vom Alltag aus alter Zeit erzählen: ein Butterfass etwa oder eine Brotrem zum Lagern des Brotes. "Brot wurde seinerzeit im altbackenen Zustand verzehrt, denn wenn es frisch gewesen wäre, hätte man zu viel gegessen", erläutert Wendy.

Die Gaiselberger Volksschule verfügte über zwei nebeneinander liegende und gegenseitig einsehbare Klassenzimmer. Dort wurden die Kinder aller acht Schulstufen gleichzeitig von einem Lehrer unterrichtet. Laut Gaiselberger Schulchronik kamen die Lehrer anno dazumal mit bis zu 90 Schülern zurecht. Im Unterschied zu heute war das Unterrichtspersonal hauptsächlich männlich. Eine Lehrerin – die weinviertlerisch mit "Fraön" (= Fräulein) angeredet wurde – musste laut Wendy unverheiratet bleiben, sofern sie ihre Anstellung behalten wollte.

"Der einklassige Unterricht aller Jahrgänge war ein schönes Gemeinschaftserlebnis", sagt Oberlehrer Wendy, der selber noch in dieser Weise in einer Volksschule den Lehrdienst versah. So etwa halfen die größeren Mädchen ganz automatisch bei Leseschwächen von jüngeren Kindern aus. Auch verhaltensauffällige Schüler seien in dieser Form bestens integriert gewesen.

Print-Artikel erschienen am 10. Juli 2014
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7