Aus der Tschechoslowakei vertriebene Deutsche, die bis März 1946 in einem Melker Lager untergebracht waren, vor der Abreise nach Deutschland. - © NÖ Landesarchiv / Wolfgang Kunert
Aus der Tschechoslowakei vertriebene Deutsche, die bis März 1946 in einem Melker Lager untergebracht waren, vor der Abreise nach Deutschland. - © NÖ Landesarchiv / Wolfgang Kunert

Die weltpolitischen Wandlungen seit dem Untergang der Habsburger-Monarchie hatten dazu geführt, dass das Zusammenleben von Deutschen und Slawen in den historischen Ländern Böhmen, Mähren und Schlesien immer konfliktreicher geworden war. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg hatten sich die nationalen Identitäten zusehends verfestigt.

Nachdem sich die Spannungen in der Zwischenkriegszeit und im Verlauf des Zweiten Weltkrieges beträchtlich zugespitzt hatten, zeitigten der Niedergang des "Tausendjährigen Reichs" sowie die Wiedererrichtung der Tschechoslowakei im Mai 1945 für die dort lebenden Deutschen gravierende Folgen.

Nach dem Einmarsch der Sowjet-Truppen wurde die zuvor vom NS-System privilegierte deutsche Bevölkerung mit einem Schlag entrechtet. Deren gesamtes Vermögen wurde unter nationale Verwaltung gestellt und die Deutschen wurden zum Tragen von Armbinden mit der Aufschrift "N" ("Nemec" = "Deutscher") verpflichtet.

Geschichten von Grausamkeiten

Schon nach wenigen Wochen setzten Vertreibungen ein. "Partisanen", die kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges oder erst danach paramilitärischen Einheiten beigetreten waren, traten als Vollzugsorgane der "wilden Vertreibungen" ein. Meist handelte es sich um junge tschechische Männer, die mit Billigung oder im Auftrag der Behörden in den Dörfern auftauchten, um diese von den Deutschen zu "säubern".

Zeitzeugen erzählen in der Ausstellung Geschichten von Grausamkeiten, die sich damals zutrugen. In manchen Fällen ist es auch vorgekommen, dass einzelne Vertreiber Mitleid hatten und beim Einräumen des Fluchtwagens halfen. In anderen Fällen wurden den Vertriebenen noch an der Grenze die letzten Habseligkeiten abgenommen.

Alles in allem mussten rund drei Millionen Einwohner deutscher Muttersprache die wieder errichtete Tschechoslowakei verlassen. Traurige Berühmtheit haben Aktionen wie der "Brünner Todesmarsch" erlangt. Die Anzahl der Todesopfer, die im Zuge der Vertreibung und Herstellung "revolutionärer Gerechtigkeit" zu beklagen waren, ist bis heute ungeklärt. Vertriebenenverbände führen mehr als 200.000 Tote ins Treffen, Schätzungen von deutschen und tschechischen Historikern gehen von rund 30.000 Todesopfern aus.

Essenbon aus Gmünd im Waldviertel. - © NÖ Landesarchiv / Wolfgang Kunert
Essenbon aus Gmünd im Waldviertel. - © NÖ Landesarchiv / Wolfgang Kunert

Die in Österreich angekommenen Vertriebenen trafen auf eine völlig unvorbereitete Bevölkerung, welche ohnedies von den Folgen des zu Ende gegangenen Weltkrieges gezeichnet war. Der Alltag der zu Tausenden ins Land strömenden Menschen war geprägt vom Betteln ums Essen, um Kleidung und um ein Dach über dem Kopf.

Die zunächst als staatenlos eingestuften Vertriebenen stießen in Österreich, wie in der Ausstellung nachzuvollziehen ist, auf viel Hilfsbereitschaft, aber zum Teil auch auf Ablehnung. Nicht selten wurden sie von Arbeitgebern ausgenutzt.

Von den insgesamt 360.000 nach Österreich gekommenen Vertriebenen blieben letztlich 114.000 im Land. Die übrigen wurden im Zuge von "Repatriierungsmaßnahmen" (die mit Blick aufs alte Kaiserreich durchaus seltsam anmuten) nach Deutschland gebracht . . .


Print-Artikel erschienen am 23. Juli 2015
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7