Ein separates Ausstellungskapitel befasst sich mit der Geschichte von jüdischen Frauen an der Universität Wien. Die sich in den ersten Jahrzehnten nach Zulassung von Frauen an der Universität ergebenden Schwierigkeiten werden dabei pointiert im Spiegel von ausgewählten Lebenserinnerungen geschildert.

Als zur Zeit der Wiener Revolution von 1848, mithin 483 Jahre nach Gründung der Wiener Universität, gefordert wurde, dass auch Frauen der Zugang zum Studium ermöglicht werden solle, gab es von männlicher Seite wenig Verständnis für dieses Ansinnen. Frauen seien labil, hieß es damals, weil sie eine Menstruation haben. Überdies seien sie zur Hysterie disponiert, weil sie einen Uterus haben, und schließlich wurde ins Treffen geführt, dass ihr Gehirn ein geringeres Gewicht habe als jenes von Männern, weshalb sie unfähig seien, ernsthaft Wissenschaft zu betreiben.

Nachdem im Wintersemester 1897 schließlich Frauen an der Universität Wien, und zwar zunächst nur an der Philosophischen Fakultät, zugelassen worden waren, begannen dort neben 898 Männern 37 Frauen zu studieren. 25 Prozent von ihnen waren Jüdinnen, 60 Prozent katholisch. Ab 1900 gab es weibliche Studenten an der Medizinischen Fakultät und ab 1919 an der Juridischen Fakultät. An beiden Fakultäten stellten Jüdinnen gegenüber anderen Studentinnen die Mehrheit.

Wie sehr Studentinnen in der Anfangszeit zu "kämpfen" hatten, illustriert Helene Deutsch (damals Rosenbach) in ihren Lebenserinnerungen: Im Jahr 1907 trat sie im Fach Innere Medizin bei Professor Chwostek (der in der Regel alle Studentinnen von seinen Vorlesungen ausschloss) zur Prüfung an. Über dessen Verhalten bei der Prüfung vermerkte die damalige Studentin später in ihrer Autobiographie: "Er feuerte seine Fragen ab, ohne mich anzusehen, und redete mich mit ‚Herr Rosenbach‘ an. Nachher fragte er mich überrascht, wie ich es geschafft hatte, mich so gut vorzubereiten."

Mehr als zwanzig Jahre später (1928) trat die aus Galizien stammende Germanistikstudentin Minna Lachs an der Wiener Universität bei Prof. Kluckhohn zu einer Prüfung an. Dieser Professor pflegte die Prüfungen in Gruppen abzuhalten. Den Verlauf der Prüfung schildert Minna Lachs wie folgt: "Ich war in einer Gruppe mit zwei ahnungslosen Studenten, die sich anscheinend auf ihre Schmisse verlassen hatten. Der eine schüttelte bei der ersten Frage den Kopf und tat den Mund fast nicht auf, und die Frage ging an den zweiten Prüfling über, der Unzusammenhängendens murmelte, und die Frage landete bei mir, ich beantwortete sie richtig und ausführlich. Das ging eine Weile so, bis sich der Professor erhob." Bei der Zeugnisabholung im Dekanat erlebte die Studentin ein blaues Wunder: "Die beiden Burschen hatten ein ‚Gut‘, und ich war nur gerade durchgekommen." Schüchtern erkundigte sie sich daraufhin beim Professor, den sie am Gang der Universität antraf, ob es sich nicht etwa um einen Irrtum handle. Dazu Minna Lachs: "Er antwortete nicht und ging hoch erhobenen Hauptes an mir vorbei, als ob ich Luft wäre."

Print-Artikel erschienen am 17. Dezember 2015
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7