Für das Wiener Rathaus wurden in seiner Projektierungsphase zunächst unterschiedliche Standorte in Erwägung gezogen. Unter anderem standen für das ursprünglich als "Stadthaus" bezeichnete Projekt der spätere Börseplatz und – kurioserweise – sogar ein Standort gegenüber dem Stephansdom (im Bereich des späteren Haas-Hauses) zur Diskussion.

Im Zuge des Ringstraßenausbaus wurde dann für den Rathaus-Standort eine Zeit lang der Bereich vis-à-vis vom Stadtpark favorisiert, ehe der ehemalige Paradeplatz vor dem Josefstädter Glacis als endgültiger Bauplatz fixiert wurde. Da aufgrund des ausgedehnten Areals nun die Dimension des Rathauses stattlicher ausfallen konnte als bei der zuvor angedachten Variante gegenüber vom Stadtpark, konnte Baumeister Friedrich Schmidt auf Wunsch der Auftraggeber diverse Anpassungen vornehmen.

Unter anderem wurden die geplanten fünf Innenhöfe nun auf sieben erweitert. Auch die Mittelrisalite konnten weiter hinausrücken, was eine imposantere Gesamterscheinung zur Folge hatte.

Andererseits mussten auch Abstriche hingenommen werden. So etwa wurden Seiten- und Quertrakte verengt, und auch die projektierte Kapelle fiel dem Sparstift zum Opfer. Ebenso wurde der mitgeplante Wein-Lagerkeller nicht realisiert. An seiner statt entstand später, nämlich im Jahr 1905, in Gumpoldskirchen der sogenannte Luegerkeller als Weinlager für den Wiener Rathauskeller.

Schon einige Zeit vor der Grundsteinlegung des Rathauses hatte es in der Öffentlichkeit nicht geringe Bedenken gegeben, ob denn der Rathausbau in Anbetracht der ohnedies angespannten Finanzlage überhaupt möglich sei, zumal die Stadt damals bereits mit den Kosten von Mammutprojekten, wie der Durchführung der Wasserleitung und der Donauregulierung, belastet war.

Ungeachtet aller Bedenken ließen sich die Stadtväter aber nicht beirren. Die in der Sitzung vom 29. Oktober 1871 beschlossenen Kosten von 8,5 Millionen Gulden für den Bau wuchsen bis zum Jahr 1892 auf 13,5 Millionen Gulden an. Wie dazu Alfred Pfoser im Ausstellungskatalog trefflich anmerkt, hat sich im Falle des auf Pump gebauten Wiener Rathauses das Schuldenmachen ausgezahlt, denn die Nachwelt hat bis heute den Profit.

Print-Artikel erschienen am 31. Dezember 2015
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7