Carry Hauser: "Madonna vor der Stadt", 1921. - © Bildrecht, Wien 2016
Carry Hauser: "Madonna vor der Stadt", 1921. - © Bildrecht, Wien 2016

Auf den ersten Blick haben die Maler Otto Rudolf Schatz (1900 - 1961) und Carry Hauser (1895 - 1985) den Zeitstil gemeinsam. Politisch und im Temperament sind sie sehr verschieden. Kurator Ralph Gleis will die Konfrontation und sucht doch Gemeinsamkeiten neben der Entwicklung durch figurale Strömungen.

Die beide kannten sich, waren jedoch kein Freundespaar, auch wenn sie und ihre Frauen Werke austauschten; Auftraggeber und Förderer wie Arthur Roessler teilten sie allerdings. Gleis wählt mit "Im Zeitalter der Extreme" einen Untertitel nach Eric Hobsbawm, der die historische Gemeinsamkeit unterstreicht. Der Autor passt allerdings inhaltlich mehr zu Schatz’ sozialem Engagement für das Rote Wien der Zwischenkriegszeit als zum christlichsozialen und im Ständestaat als Funktionär engagierten Hauser. Anfangs sind die Abgänger der innovativen Kunstgewerbeschule und Mitglieder des Hagenbunds in ihrer Orientierung am Expressionismus Schieles und in ihren grafischen Zyklen ähnlich. Da lag das Revolutionäre auch noch Hauser, wie seine Holzschnitte eines Karl-
Marx-Porträts und die Thematik der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zeigen.

Magischer Realismus

Mit dem Wechsel zum magischen Realismus der "Neuen Sachlichkeit", einem 1925 von Gustav Friedrich Hartlaub geprägten Begriff, wird ihre politische Einstellung konträr. Die Aufarbeitung des Ersten Weltkriegs mit einem zerrissenen Menschenbild brachte Hauser stärker in die Nähe des Kubismus, ansonsten teilen sie die Themen der Expressionisten in Beobachtung der Großstädte, des Arbeiterelends, aber auch einer heroischen Seite der Industrialisierung und der Geburt eines neuen Menschen der Moderne. Sie stellten Künstlerbücher her, wobei Hauser seine literarische Seite mit einbrachte, Buchstaben in Bilder mischte und sogar Anflüge einer märchenhaft surrealen Traumwelt zeigt. Generell bewegten sie sich aber eher in den Alpträumen der Ersten Republik, einer politisch und wirtschaftlich unruhigen Zeit, und engagierten sich für Künstler in Not.

Auf Schatz’ kleine, bunte Bücher zum Stadtwanderer und "Traumbuch der Zuchthäusler" folgt 1932 die "Klasse im Kampf" und andere Schwarzweißholzschnittillustrationen zur Emanzipation des Arbeiters, während Hauser bei seinen lyrischen "Balladen von der Stadt" und den Bars mit Jazzmusik blieb. Obwohl die Holzstöcke der Künstler zwischen 1939 und 1945 zerstört wurden, sind viele handkolorierte Druckgrafiken erhalten. Hauser war Präsident des Hagenbundes und Freund von Kardinal Theodor Innitzer, als Schatz bereits aus politischen Gründen 1937 in die USA ging. Statt im Exil zu bleiben, kehrte er aber zurück.

Verfolgung und Exil

Die Künstler mussten 1938 fliehen, da sie mit Frauen aus jüdischen Familien verheiratet waren. Schatz wurde in Prag an die Gestapo verraten und trennte sich nach Aufenthalten in drei Konzentrationslagern von seiner Frau, um 1945 nach Wien zurückzukehren. Hauser überlebte in der Schweiz, seine Familie in Holland; er kehrte erst 1947, auf Initiative des Dichters Franz Theodor Csokor, nach Wien zurück.

Unter dem engagierten Kulturstadtrat Viktor Matejka waren beide gefragte Künstler der Wiederaufbaugeneration und beteiligten sich mit Malerei und Mosaiken an "Kunst am Bau". Ihre Gemälde wurden gemäßigt realistisch. Doch keiner der Remigranten konnte an die innovative Rolle um 1920 anschließen. So sind Hausers "Madonna im Wiederaufbau" oder Schatz’ dunkle Bilder von Wien und seine Illustrationen im Österreich-Panorama-Buch selbst für die neuen Realisten Alfred Hrdlicka, Fritz Martinz oder Hans Escher keine Anregungen mehr gewesen.