Die Eröffnung ist schon wieder fast ein halbes Jahr her, aber die Schlangen am Wochenende werden nicht kürzer. Bereits eine Stunde, bevor die gläsernen Tore aufgemacht werden, stehen die Leute an. Nur wer Glück und Voraussicht und sich folglich schon vor Monaten um eine Online-Reservierung gekümmert hat, muss nicht warten.

Allen skeptischen Stimmen zuwider hat sich das große weiße Haus an der South Grand Avenue binnen kurzer Zeit nicht nur zum lokalen Publikumsmagneten, sondern zur überregionalen Touristenattraktion entwickelt, und nichts deutet darauf hin, dass der Strom an Schaulustigen bald abreißen wird. Genau so hat sich das das dafür verantwortliche Milliardärspaar Eli und Edythe Broad (ausgesprochen: Bro-ud), nach denen das neue Museum für zeitgenössische Kunst in Downtown Los Angeles benannt ist, vermutlich vorgestellt. Aber der sich schon jetzt abzeichnende Umstand, dass "The Broad" in Rekordzeit zu einem neuen Wahrzeichen der südkalifornischen Metropole geworden ist, auf Augenhöhe mit dem Getty Center oder der Barnes Collection in Philadelphia - mit denen es den Umstand teilt, dass sich die es konstituierenden Werke allesamt in Privatbesitz befinden -, ist dann doch eine Überraschung.

Erste Adresse für erste Namen


140 Millionen Dollar hat der vom New Yorker Architektenbüro Diller, Scofidio und Renfro entworfene Bau gekostet, im Wettbewerb um den Auftrag stach man unter anderem Rem Kohlhaas aus. Seine drei Stockwerke umfassen rund 12.000 Quadratmeter (davon gut 5000 Ausstellungsfläche) und die Leihbibliothek der Broad Art Foundation. Äußerlich kommt das Haus als weißer Kubus daher, dessen steinerner, schleierartiger Guss an der Vorderfront von einem gläsernen Loch durchbrochen wird, das unwillkürlich ans Auge eines Zyklopen erinnert. Sein Inneres beherbergt eine der größten und teuersten Sammlungen zeitgenössischer Kunst unserer Zeit.

Sie nennen es, das Broad spielt es: Jeff Koons, Damien Hirst, Roy Lichtenstein, Andy Warhol, Andreas Gursky, Robert Rauschenberg, Jasper Johns, Cindy Sherman; um nur ein paar der wichtigsten zu nennen, deren Werke - in der Regel die mit dem höchsten Wiedererkennungswert, wie Koons’ "Michael Jackson and Bubbles" oder Hirsts "Away from the Flock" - hier untergebracht sind.

Abgesehen von den internationalen und aus dem Rest des Landes stammenden Künstlerinnen und Künstlern von Weltrang finden sich hier aber auch zahlreiche lokale Heroen, deren Strahlkraft weit über die USA hinausreicht.

Und hier beginnt es interessant zu werden, weil man den Broad-Hype im Kontext seines Standorts auch anders lesen kann, ja angesichts der normativen Kraft des durch seinen Bau geschaffenen Faktischen muss: als vorläufigen Schlusspunkt einer jahrzehntelangen Phase der Emanzipation, den der Kunststandort Los Angeles hinter sich gebracht hat.

Aus heutiger Sicht fast unglaublich, aber wahr: Bis 1965, als das Los Angeles County Museum of Modern Art (Lacma) seine Pforten als eigenständige Entität öffnete, gab es in der zweitgrößten Stadt Amerikas kein einziges Museum, in dem die Werke zeitgenössischer Künstler Aufnahme fanden. Zum Vergleich: Das New Yorker Metropolitan Museum of Art stand damals schon fast hundert Jahre. Und im Gegensatz zu diesem wie anderen künftigen Fixgrößen der Ostküste wie das Haus der Frick Collection oder das Whitney wurde seine Errichtung nicht mit dem Geld alteingesessener Mäzene finanziert, sondern mit öffentlichem und aus Hollywood. Unter anderem saßen den Lacma-Fundraising-Kommittees Leute wie der Regisseur Billy Wilder und der Schauspieler Tony Curtis vor.

Auch wenn das Lacma den ersten Schritt in Richtung Öffnung repräsentierte, waren die künstlerischen Grenzen dem Ort und den Zeiten entsprechend eng gesteckt. 1966, als Ed Kienholz dort - als erster lokaler Künstler überhaupt, der in das Haus am Wilshire Boulevard zu einer Solo-Show eingeladen worden war - seine Installation "Back Seat Dodge ’38" zeigte, die ein Sex habendes Paar am Rücksitz eines Autos bildlich darstellt, lief die Presse dagegen Sturm. Die Regionalverwaltung drohte gleich dem ganzen Haus mit dem Entzug von Subventionen.

Was die reaktionären Kräfte in Politik und Zivilgesellschaft zu diesem Zeitpunkt freilich nicht mehr verhindern konnten, war das Aufgehen einer Saat, die schon ein Jahrzehnt zuvor gepflanzt worden war, still und unauffällig; und deren sie repräsentierende Namen heute das Rückgrat der Broad Collection bilden, ob tot oder lebendig. Kienholz, Ed Ruscha, Robert Irwin, Wallace Berman, John Altoon, Billy Al Bengston, Craig Kauffman, Ed Moses, unter anderem: Sie alle wurden zu Beginn ihrer Karriere von der von Kienholz, dem Mikrobiologen und Kunsthistoriker Walter Hopps und dem später dazu gestoßenen Kunsthändler Irving Blum gegründeten Ferus Gallery ausgestellt und gemanagt. Bis zu deren Eröffnung in einem Hinterhof des La Ciniega Boulevard in West Hollywood 1957 waren all diese Künstler fast zur Gänze vom guten Willen von Galeristen an der Ostküste abhängig gewesen, wenn sie ihre Werke zeigen wollten.