Inszenierung mit Lou Andreas-Salomé und den Philosophen Paul Rée sowie Friedrich Nietzsche, 1882. - © Lou Andreas-Salomé Archiv, Göttingen
Inszenierung mit Lou Andreas-Salomé und den Philosophen Paul Rée sowie Friedrich Nietzsche, 1882. - © Lou Andreas-Salomé Archiv, Göttingen

Lou Andreas-Salomé wird als "Dichterin der Psychoanalyse" in Erinnerung gehalten. Im Jahr 1861 erblickt sie in St. Petersburg als Sprössling wohlhabender Eltern das Licht der Welt, erhält in jugendlichen Jahren von einem evangelischen Pastor gediegenen Privatunterricht und interessiert sich schon früh für die Schriften der wichtigen deutschen Philosophen. 19-jährig geht sie in Begleitung ihrer Mutter nach Zürich, wo zu jener Zeit bereits Frauen an der Universität zugelassen waren und belegt Seminare in Theologie, Philosophie, Kunstgeschichte, Metaphysik und Logik.

1882 lernt sie auf einer Italienreise die Philosophen Paul Rée und Friedrich Nietzsche kennen. Beide entbrennen in Leidenschaft zu der bildschönen und zugleich scharfsinnigen jungen Frau, und es folgt eine jahrelange Dreiecksbeziehung, die indes – wiewohl von den beiden Männern ersehnt – erotische Bezüge ausklammert. Beide Philosophen machen ihr einen Heiratsantrag, beide Male lehnt sie ab.

Das hier abgebildete Foto, eine von Nietzsche ersonnene Inszenierung, zeigt die 21-jährige Lou Andreas-Salomé peitschenschwingend, während sich die beiden Philosophen vor ihren Karren spannen lassen. Als Nietzsche wenig später sein Werk "Also sprach Zarathustra" herausbringt, ist im Kapitel "Von alten und jungen Weiblein" von einer – nachmals oft zitierten – Peitsche zu lesen: "Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!"

Das entsprechende Kapitel in Nietzsches "Zarathustra" handelt vom Wesen der Frau wie auch von jenem des Mannes. Später, der verschmähte Philosoph hat sich mittlerweile aus dem Staub gemacht, wird sich auch dessen frühere Angebetete intensiv dieses Themas annehmen.

1899 publiziert Andreas-Salomé ihren Aufsatz "Der Mensch als Weib", worin sie in hinreißender sprachlicher Realisierung metaphernreich die grundlegende Verschiedenheit von Frau und Mann erörtert. Während zu jener Zeit im wissenschaftlichen Geschlechterdiskurs die Meinung vorherrschte, dass das weibliche Geschlecht infolge seiner biologischen Determiniertheit unterlegen sei, postuliert Andreas-Salomé hier genau das Gegenteil und leitet die Überlegenheit der Frau von deren natürlichen Disposition ab. Bereits beim Akt der Zeugung ortet sie bei der Frau und ihrer Eizelle die intaktere Harmonie, wohingegen den Samenzellen eine in negativer Weise konnotierte Rastlosigkeit zugeordnet wird. Bemerkenswerterweise setzt sich Lou Andreas-Salomé bereits einige Zeit vor ihrer Begegnung mit der Psychoanalyse mit Sexualität und Geschlechtertheorie auseinander.

Lou Andreas-Salomé, Porträt, o. J. - © Sigmund Freud Privat-Stiftung, Wien
Lou Andreas-Salomé, Porträt, o. J. - © Sigmund Freud Privat-Stiftung, Wien

Begegnung mit Sigmund Freud

1911 trifft sie auf dem III. Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Weimar auf Sigmund Freud. Im Jahr darauf, mittlerweile hat sie sich facheinschlägig eingelesen, wendet sie sich brieflich an Sigmund Freud, mit dem Ersuchen sein Kollegium besuchen zu dürfen und zu seinen Mittwochsitzungen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung zugelassen zu werden.

Prompt erfüllt ihr Freud den Wunsch. Ebenso wie andere große Geister der Weltgeschichte (zu ihnen zählt auch der Literat Rainer Maria Rilke) begeistert sich auch der Vater der Psychoanalyse spontan für das außergewöhnliche Wesen Andreas-Salomés. Auch dessen Tochter, Anna Freud, pflegte fortan eine enge Freundschaft mit ihr.

Während ihres Wien-Aufenthalts 1912/13 tauschte sich Andreas-Salomé intensiv mit Sigmund Freud zum Thema "Narzissmus" aus. Kurz darauf führte Letzterer den Begriff Narzissmus offiziell in die psychoanalytische Theorie ein. 1921 veröffentliche Andreas-Salomé ihren Aufsatz "Narzissmus als Doppelrichtung", von dem Freud überaus angetan war. Über ihren Geisteswitz hinaus bewunderte Freud überhaupt deren schriftstellerische Begabung. Als Andreas-Salomé am 5. Februar 1937 verstarb, publizierte Sigmund Freud in einer internationalen Fachzeitschrift einen sehr persönlichen Nachruf.

Print-Artikel erschienen am 25. Februar 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7