Brechel im Wien Museum Karlsplatz, 18. Jh., Durchmesser: 119 cm. - © Wien Museum
Brechel im Wien Museum Karlsplatz, 18. Jh., Durchmesser: 119 cm. - © Wien Museum

Wie ein Pathologe seziert Michel Foucault in seinem faszinierenden Buch "Überwachen und Strafen" das bis weit in die Neuzeit herein praktizierte Schauspiel des Todes. Viele Aspekte der als theatralische Darbietungen inszenierten öffentlichen Hinrichtungen hatten zeichenhafte Bedeutung.

Die Bestrafung, so grausam sie laut Gesetzbuch auch umzusetzen war, hätte durchaus auch abgeschieden in einem Hinterhof stattfinden können. Das Moment der Abschreckung hätte ebenso durch entsprechende Bekanntmachungen der Hinrichtungen, etwa durch Flugblätter und sonstige Illustrationen, funktioniert. Jedoch war das Publikum geradezu begierig darauf, am Schauspiel des Todes durch persönliche Anwesenheit teilzuhaben.

Einer der interessantesten Gesichtspunkte, die Foucault im Zusammenhang mit peinigenden Strafen herausarbeitet, bezieht sich auf Macht: Durch das Verbrechen, so Foucault, sei nicht nur das Opfer geschädigt worden; darüber hinaus sei auch das Recht des Herrschers verletzt und damit auch seine Würde beschädigt gewesen. Insofern hatte die bei Hinrichtungen zugefügte Marter "eine rechtlich-politische Funktion". Es galt, die durch die Tat "für einen Augenblick verletzte Souveränität" des Herrschers wiederherzustellen. Das sei einer der wichtigen Gründe, weshalb es erforderlich war, Hinrichtungen, ebenso wie andere Machtrituale, etwa Krönungen, der Einzug in eine eroberte Stadt und dergleichen, öffentlich zu machen.

Sensationsgier des Publikums

Stand eine spektakuläre Hinrichtung bevor, etwa jene mit dem Rad, so konnte stets mit einer hohen Publikumsfrequenz gerechnet werden. Im frühneuzeitlichen Wien wurde schon vorab das Urteil in gedruckter Form an die Bevölkerung verteilt. Straßenhändler verkauften entsprechende Illustrationen, die das Verbrechen darstellten, und auch Moritatensänger wussten aus bevorstehenden Hinrichtungen ihren Gewinn zu ziehen. Wichtige Wiener Richtstätten befanden sich am Wienerberg bei der Spinnerin am Kreuz und am Rabenstein in der Roßau im Bereich des heutigen Schlickplatzes.

Am Tag der Hinrichtung gab es eine Reihe von zeremoniellen Punkten abzuhandeln. Der zu Tötende legte zunächst eine Beichte ab und wandte sich üblicherweise an das Publikum mit der Bitte um Vergebung. Sodann gab es eine Predigt durch den Geistlichen. Erst hernach konnte das Spektakel der Tötung beginnen.

Der am 10. März 1786 am Rabenstein hingerichtete Wiener Magistratsbeamte Franz de Paula Zaglauer von Zahlheim, der seine Geliebte bestohlen und ermordet hatte, wurde wegen der Schwere des Verbrechens besonders hart bestraft. Erst nachdem er mit glühenden Zangen gezwackt worden war, konnte die nicht minder schmerzhafte Tortur des "Räderns von unten" beginnen. Bei dieser Hinrichtungsart ließ der Henker das Rad zuerst auf die Unter-, dann auf die Oberschenkel niedersausen. Das am unteren Ende des Rads befindliche Eisen zerbrach die Knochen. Hernach begann dieselbe Tortur an den Armen. Erst zum Schluss wurde bei solcher Hinrichtung der meist tödliche Schlag in der Herzgegend verabreicht. Vergleichsweise glücklich konnte sich schätzen, wer "von oben" gerädert wurde, da der Tod bei diesem Modus rascher eintrat. Ein Jahr nach dieser letzten in Wien vollzogenen Räderung wurde die Todesstrafe abgeschafft.

Print-Artikel erschienen am 19. Mai 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7