Nahezu seit 20 Jahren betreibt der hauptberuflich in Wien tätige Historiker Friedrich Polleroß in seiner Waldviertler Heimatgemeinde Neupölla das Erste österreichische Museum für Alltagsgeschichte. Immer wieder gab es sehenswerten Sonderausstellungen, mehrfach wurde das Museum erweitert, zuletzt im Mai des heurigen Jahres um ein Biedermeierzimmer. In erster Linie geht es um die Darstellung wesentlicher politischer sowie sozialer Entwicklungen und deren Auswirkung auf die Alltagskultur vor allem bei Möbeln, Mode und Ernährungsgewohnheiten.

Zwei der dort ausgestellten und hier gezeigten Objekte stammen aus dem Nachlass des Kanadiers George Vladar. Er wurde 1921 in Wien als Georg Bittermann geboren und 1927 von seiner Tante Irma von Wladár adoptiert. Da seine Mutter die Tochter des jüdischen Kaufmannes Joseph Biheller war, litt die Familie ab 1938 unter den Repressalien der NS-Machthaber. Während die meisten Familienmitglieder mütterlicherseits von den Nazis ermordet wurden, konnte Georg mit dem letzten jüdischen Kindertransport nach England gebracht werden. Im Jahr 1940 wurde Georg Bittermann-Wladár nach Kanada verbracht, wo er 1949 unter dem Namen Georg Vladar die Staatsbürgerschaft annahm. Er starb am 27. April 2005 in Kingston/Ontario.

Tief erschütterter Jubelgreis

2006 kamen die hier abgebildeten Objekte aus seinem Nachlass als Geschenk ins Museum. Das Ölgemälde stellt den in Krumau und Gföhl tätig gewesenen Pfarrer Johann B. Mühler dar, der ein Großonkel von Georg Vladar war. Das Kruzifix stammt von dem in Altpölla tätigen Pfarrer Aloys Schmid, dessen Kaplan Mühler gewesen war.

Über das silberne Kruzifix, das Schmid aus Anlass seines goldenen Priesterjubiläums als Geschenk erhalten hatte, berichtete die "Wiener Zeitung" ausführlich in ihrer Ausgabe vom 9. März 1845: "Am 21. November v. I., feyerte der hochwürdige Herr Pfarrer (. . .) Aloys Schmid, (. . .) ein nimmermüder Wächter der Mauern Zions, immer gerüstet, das heilige Werk des Herrn zu fördern, sein fünfzigjähriges Priester-Jubiläum, an welcher Feyer die ganze Nachbarschaft Theil nahm. (. . .) Der hochwürdige Jubelgreis wurde von seinem Capitel mit einem in Wien verfertigten schönen silbernen Crucifix, mit einer passenden Inschrift versehen, beehrt; es war rührend zu sehen, wie er das ihm bestimmte Andenken aufnahm, das ihm (. . .) Herr Johann Eigl, Pfarrer zu Großpoppen, unter einer herzlichen Anrede überreichte. Die freudige Überraschung machte ihn Anfangs verstummen, aber bald löste sie sich in Thränen auf, die auf das Bildnis seines gekreuzigten Heilandes zahlreich floßen, und das Crucifix krampfhaft in der Hand haltend, warf sich der tieferschütterte Greis nieder auf seine Knie, und beschwor, was er vor fünfzig Jahren gethan und auch fest gehalten, aufs neue wieder, treu auszuharren in seinem erhabenen Amte, bis Zung’ und Lippen ihm ersterben und sein Auge brechen wird. (. . .) Kein Auge der zahlreichen Anwesenden blieb trocken, und es ist mit Worten schwer zu schildern, was in diesem heiligen Augenblicke lag."

Den hier abgebildeten Pfarrer Johann B. Mühler verband ein besonderes Naheverhältnis mit Schmid; zu der Feier hatte er eine musikalische Komposition beigesteuert. Michael Reis, der Schöpfer des Ölgemäldes, war einer der wenigen namentlich bekannten Waldviertler Porträtmaler des Biedermeier.

Print-Artikel erschienen am 25. Mai 2016

in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7