Auf musealen Streifzügen durch österreichische Dörfer und Kleinstädte spüre ich immer gerne Heimatmuseum auf. Die oftmals kunterbunten Sammlungen halten mancherlei Überraschungen bereit. Im Heimatmuseum der schmucken, südlich von Wien gelegenen Weinbaugemeinde Pfaffstätten ist unter anderem ein ziemlich gut erhaltener Korb-Kinderfahrstuhl aus der Zeit um 1900 zu bestaunen.

Kinderwagen der Prinzessin Elisabeth, der Tochter von Kronprinz Rudolf. - © Johann Werfring
Kinderwagen der Prinzessin Elisabeth, der Tochter von Kronprinz Rudolf. - © Johann Werfring

Kinderwägen waren zu jener Zeit fast ausschließlich wohlhabenden Bürgern und Adeligen vorbehalten. Eine ebenfalls im Heimatmuseum vorrätige Illustration zeigt Prinzessin Elisabeth, die Tochter des legendären Kronprinzen Rudolf und seiner Ehefrau Stephanie, im Kinderkorbwagen sitzend. Die Darstellung bezieht sich auf die Zeit um 1888; später sollte die Prinzessin übrigens als "rote Erzherzogin" in die Geschichte eingehen.

Nummerntaferln für Kinderwägen

Korb-Kinderfahrstuhl (um 1900) im Heimatmuseum Pfaffstätten. - © Johann Werfring
Korb-Kinderfahrstuhl (um 1900) im Heimatmuseum Pfaffstätten. - © Johann Werfring

Holzspeichenräder mit Holznaben, wie sie die beiden hier abgebildeten Modelle aufweisen, repräsentieren die typische Form des frühen Dreirad-Kinderwagens. Blattfedern, wie hier vorhanden, wurden in unterschiedlicher Weise eingebaut. Das mit Stoff bespannte Sonnendach des gezeigten Wagens war nicht mehr, wie bei älteren Modellen, mit Bändern, sondern mit einer Art von Sturmstangen fixiert. Ebenso wie den Prinzessinnenwagen darf man sich auch den anderen Kinderwagen bei seinerzeitigem Gebrauch mit gepolsterter Unterlage für das Kind denken. Mit einiger Sicherheit war bei dem Kinderwagen mit dem Sonnendach (ebenso wie bei jenem der Prinzessin) auch ein – heute nicht mehr erhaltener – Gurt zur Sicherung des Kindes vorhanden.

Die Einführung von Kinderwägen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa war mancherorts mit sonderbaren Hindernissen verbunden. In England etwa war die Benützung des Trottoirs mit vierrädrigen Kinderwägen eine Zeit lang nicht gestattet, und in Hamburg gab die Polizei 1897 gebührenpflichtige Nummernschilder für Kinderwägen aus. In Wien wurden infolge eines Gemeinderatsbeschlusses vom
26. Juli 1878 im Stadtpark und im Rathauspark Kinderwägen nicht eingelassen. Über die Gründe für dieses Verbot können heute nur noch Mutmaßungen angestellt werden. Die Regelung stieß jedenfalls bei der Bevölkerung auf einigen Widerstand. Nach Einbringung einer Petition wurde das Verbot im Jahr 1880 schließlich aufgehoben.

In jener Zeit, aus welcher der Pfaffstättner Kinderkorbwagen stammt, wurden Kinderwägen meist nicht von den aus großbürgerlichen Kreisen stammenden Müttern, sondern von Dienstboten geschoben. Erst nach dem Ersten Weltkrieg profitierten allmählich auch breitere Bevölkerungsschichten von den Vorzügen der Kinderwägen.

Print-Artikel erschienen am 2. Juni 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7