Riese und Zwerg (vermutlich Bertlmä Bon und der Hofzwerg Thomele), 16. Jh. - © Kunsthistorisches Museum Wien
Riese und Zwerg (vermutlich Bertlmä Bon und der Hofzwerg Thomele), 16. Jh. - © Kunsthistorisches Museum Wien

Die jahrhundertelange Präsenz gekrönter Häupter in der alten Donaumetropole sorgte dafür, dass den Wienern nie der Tratsch ausging. Vom 24. Mai bis 24. Juni 1560 ging in Wien ein ritterliches Turnier über die Bühne, das der spätere Kaiser Maximilian II. zu Ehren seines Vaters Ferdinand I. ausgerufen hatte. Auch wenn das einfache Volk zu den einzelnen Turnierschauplätzen nicht zugelassen war, so kamen Schaulustige alleine schon beim Einzug der Turnierteilnehmer in die Stadt auf ihre Kosten. Mehr noch als all die edlen Gäste von Nah und Fern, die später als Ritter beim Turnier ihr Können zeigten, dürfte beim Einmarsch in die Stadt der Riese Bartlmä Bon Aufsehen erregt haben.

Begleiter des jungen Erzherzogs

Bartlmä Bon (zuweilen auch als Giovanni Bona bezeichnet) stammte aus Riva del Garda im Trentino. Bei dem hier abgebildeten (265 Zentimeter hohen) Gemälde, auf dem er gemeinsam mit Erzherzog Ferdinands Hofzwerg Thomele dargestellt ist, gehen Kunsthistoriker davon aus, dass es sich um eine Darstellung in Lebensgröße handelt. Der Riese misst auf dem Bild beachtliche 240 cm. Der Riesenwuchs ging, wie Forscher herausgefunden haben wollen, wahrscheinlich auf einen Hypophysentumor zurück.

Bei dem Wiener Turnier von 1560 kam dem Riesen die Rolle eines "Wilden Mannes" zu. Das Fußturnier, bei dem er mitwirkte, fand Mitte Juni auf dem Burgplatz vor der alten Hofburg statt. Die hier abgebildete Aquarell- und Deckfarbenmalerei zeigt ihn als Begleiter des damals achtjährigen Erzherzogs Rudolf, der mit Schwert und Spieß beim Turnier seine ritterliche Feuerprobe zu bestehen hatte.

Wie die Darstellung, auf der Bartlmä Bon mit einem ausgerissenen Baum als Spazierstock schwungvoll einherschreitet, glauben machen will, dürfte dieser an seiner Rolle als "Wilder Mann" durchaus Gefallen gefunden haben. Die bloß durch aufgeklebte fellartige Haare und den blättrigen Lendenschurz verdeckte Nacktheit des Riesen verstärkte die Vorstellung von einem urtümlichen Naturmenschen. In der Währinger Straße 85 beflügelt an der Fassade des Hauses "Zum Wilden Mann" übrigens bis heute in skulpturaler Form ein solcher Urmensch die Fantasien der Wiener.

Print-Artikel erschienen am 9. Juni 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7