Die vom Österreichischen Kulturforum Paris vorgetragene Idee, aus Anlass der heurigen Fußball-Europameisterschaft eine Cartoon- und Karikatur-Ausstellung zum Thema Fußball zu veranstalten, wurde vom Karikaturmuseum Krems mit Begeisterung aufgegriffen und im Rekordtempo umgesetzt. Nicht wenige arrivierte Künstler erhielten die Einladung, aktuelle Arbeiten oder Grundsätzliches zum Thema Fußball beizusteuern. Die beigestellten 50 Cartoons und Karikaturen werden nun zeitgleich in den ehrwürdigen Räumlichkeiten der österreichischen Botschaft in Paris in Print sowie digital im Karikaturmuseum Krems gezeigt.

Das hier abgebildete Werk von Gustav Peichl alias Ironimus entstand im Vorfeld der 1978 in Argentinien ausgetragenen Fußball-Weltmeisterschaft, bei der Österreich eine besondere Rolle zukommen sollte. Auf dem Thron, dessen Gerüstumhüllung nur entfernt an den heute im Wiener Hofmobiliendepot befindlichen österreichischen Kaiserthron erinnert und mit seinen Türmchen ein wenig an orientalische Formen denken lässt, befindet sich ein überdimensionaler Fußball, dem die austriakischen Untertanen in geradezu devoter Weise huldigen. Die im Umfeld des Throns platzierten Geldbündel evozieren den Gedanken, dass sich die Österreicher damals ein recht gutes Abschneiden der heimischen Mannschaft (welches in entsprechender Weise belohnt werden würde) erwarteten.

"Das neue Wunderteam"

Die heimatverbundenen Protagonisten sind, wie man es damals von Ironimus schon gewohnt war, mit Gamsbart bestücktem Hut und in Tracht vor alpiner Kulisse dargestellt. Selbst ein Säugling geriet in den Sog der allgemeinen Euphorie, denn nachdem vor Zeiten ein legendäres "Wunderteam" für Aufsehen gesorgt hatte, erwartete man sich von der erstarkten Mannschaft auch im Jahr 1978 ein "Wunder".

Österreich ist ja bekanntlich ein Land, in dem sich – auch in jüngerer Zeit – allerlei "Wunder" ereignet haben. Nach dem erwähnten "Wunderteam" der Zwischenkriegszeit gab es das Phänomen des Wirtschaftsaufschwungs und geglückten Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg, das als "Österreichisches Nachkriegswunder" im kollektiven Gedächtnis haften blieb. Auf der Karikatur von Ironimus ist mit dem die österreichische Identität unterstreichenden Weinglas auf ein weiteres Wunder angespielt, denn, glaubt man den Gazetten, dann habe sich hierzulande nach dem sogenannten Glykolweinskandal von 1985 ein sogenanntes Rotweinwunder ereignet (dass sich indes in eben jener Phase derselbe Erfolg auch in anderen Weinnationen einstellte, wird in der austriakischen Analyse meist außer Acht gelassen).

Jedenfalls wurden die Erwartungen der Österreicher 1978 in Argentinien keineswegs enttäuscht, denn es ereignete sich mit dem Sieg über Deutschland das mittlerweile viel zitierte "Wunder von Córdoba". In Deutschland selber wird dieses Fußballereignis laut Zeitungsberichten als "Schmach von Córdoba" in Erinnerung gehalten.

Nachdem sich der österreichische Fußball nach einem langen Durchhänger in letzter Zeit einigermaßen erholt hat, wurden im Vorfeld der Europameisterschaft 2016 erneut "Wunder"-Rufe laut. Passend dazu steuerte die Band Heinz aus Wien, unter Mitwirkung der Fußballer-Legende Toni Polster, auf das aktuelle Nationalteam bezogen, ihre Fußball-Hymne "Das neue Wunderteam" bei. Hierzulande werden sich wohl auch weiterhin mancherlei "Wunder" ereignen. Nicht nur beim Fußball.

Print-Artikel erschienen am 23. Juni 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7