Gegen Ende der 1980er Jahre habe ich in Wien zum letzten Mal in der Öffentlichkeit wahrgenommen, wie ein Mann aus Ehrerbietung einer anderen Person gegenüber den Hut gezogen hat. Noch in den 1960er und 1970er Jahren konnte man diese Geste des Öfteren beobachten. Hutträger waren im Vergleich zu heute relativ häufig anzutreffen. Man konnte damals auch registrieren, wie Männer beim Betreten von Kirchen ihre Hüte abgenommen haben. Ich erinnere mich, wie ich es als Kind nicht verstehen konnte, weshalb der männliche Teil der Kirchgänger dem Gottesdienst barhäuptig beiwohnen musste, wohingegen die Frauen während der gesamtem heiligen Messe ihre Hüte und sonstigen Kopfbedeckungen aufbehalten durften.

Obwohl also in der Nachkriegszeit Hüte noch durchaus üblich gewesen sind, war die Anzahl der Hutträger im Vergleich zu vorangegangenen Jahrzehnten schon erheblich geschrumpft. Eine Anzahl von Fotografien und Objekten in der aktuellen Ausstellung im Wien Museum Karlsplatz gestattet einen Rückblick in jene Zeit, in der Hüte in Wien noch ein fester Bestandteil des Alltags gewesen sind.

Hutenthusiasten an der Ringstraße

Zylinder des Wiener Baumeisters Richard Lugner, ca. 2000. - © Wien Museum
Zylinder des Wiener Baumeisters Richard Lugner, ca. 2000. - © Wien Museum

Eine herrliche Szene vom Ringstraßencorso aus der Zeit des ausgehenden
19. Jahrhunderts zeigt, wie sämtliche Personen im Straßenbild mit Kopfbedeckung ausgestattet sind. Während die Männer auf dem in der Ausstellung gezeigten Ölbild mit Melonen, Zylindern oder Girardi-Hüten dargestellt sind, werden die Köpfe der Frauen von fantastisch mit Federn und Blumenschmuck aufgeputzten Hüten geziert. Zu jener Zeit war Wien noch eine "Hutstadt" gewesen, wie die Ausstellungsmacher pointiert betonen, in welcher die Produktion von Kopfbedeckungen einen nicht unbedeutenden Stellenwert hatte.

Auch zur Zeit der Friedensverhandlungen von Saint-Germain, als die hier abgebildete Aufnahme entstand, waren Hüte allgegenwärtig gewesen. Karl Renner, der in der Bildmitte mit Zylinder auf dem Kopf einherschreitet, war adjustiert, wie zahlreiche Personen auch in Wien im Alltag auftraten.

Der Zylinder, dem in der Ausstellung viel Raum geboten wird, war überhaupt zu einem Symbol der Bürgerlichkeit geworden. Die Wiener hatten dieser speziellen Art von Kopfbedeckung einen Spitznamen verpasst, der später auch in anderen deutschsprachigen Städten übernommen werden sollte. Als nämlich zur Zeit der Wiener Revolution so mache Bürgergardisten aus Angst vor Repressionen durch die kaiserlichen Truppen im Oktober 1848 ihre Kalabreser ablegten und wieder die Zylinder aufsetzten, verspotteten Studenten und andere Revolutionäre diese bürgerlichen Hüte als "Angströhren".

Heutzutage werden rare Zylinderträger in Wien geradezu als Exoten wahrgenommen. Als Bestandteil beruflicher Adjustierung spielt der Zylinder nach wie vor beim Wagenmeister des Hotel Sacher eine Rolle. Einige Bekanntheit hat auch das alljährliche Zylinder-Ritual des Baumeisters Richard Lugner beim Wiener Opernball erlangt . . .

Print-Artikel erschienen am 7. Juli 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7