Bereits zu Kaisers Zeiten war die nahe von Klosterneuburg gelegene Ortschaft Kritzendorf bei den Wienern als Bade- und Erholungsort beliebt gewesen. Während betuchte Adelige und Großbürger ihre Sommerfrische etwa in Baden bei Wien oder am Semmering verbrachten, wurde der Kritzendorfer Strand von Erholungssuchenden aus allen sozialen Schichten frequentiert.

In der 1907 an die Franz-Josefs-Bahn angebundenen Gemeinde Kritzendorf kamen an manchen Tagen bis zu 16.000 Badegäste aus Wien an. Bei sonnigem Wetter langten die Züge in Intervallen von 10 bis 20 Minuten ein.

In der Zwischenkriegszeit verzeichnete der Kritzendorfer Fremdenverkehr seinen Höhepunkt. Neben Tagesreisenden gab es nicht wenige, die sich im Sommer über einen gewissen Zeitraum in Kritzendorf aufhielten. Während sich Wohlhabende ihre eigenen Unterkünfte hatten errichten lassen, quartierten sich andere in Untermiete ein. Die Kritzendorfer überließen diesen gegen entsprechendes Entgelt ihre eigenen Schlafgemächer, während sie selbst auf Dachböden oder sonstige behelfsmäßige Unterkünfte auswichen.

Wahrzeichen von Kritzendorf

Wie in der Ausstellung zu erfahren ist, gibt es in Kritzendorf heute sieben Gastronomiebetriebe, wohingegen in den Glanzzeiten des Ortes mindestens 21 weitere Gaststätten vorhanden waren. Neben Ausflugsgasthäusern, Konditoreien und Kaffeehäusern erfreuten sich anno dazumal auch Milchtrinkhallen Beliebtheit, von denen in Kritzendorf zwei vorhanden gewesen sind. Das hier abgebildete Strand-Promenaden-Café-Restaurant Lanzendörfer war im Jahr 1923 gegenüber der Schiffsstation entstanden; es besteht heute noch als Café-Restaurant Fischer. Das Gemälde aus der Zwischenkriegszeit vermittelt in seiner Art der Darstellung eine recht fröhliche Stimmung, wie man sie auch aus der einschlägigen Literatur über Kritzendorf kennt.

Eine Kritzendorfer Spezialität, die im Ort auch heute noch geschätzt und feilgeboten wird, war seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts der Ribiselwein. Nachdem zu jener Zeit die Reblauskatastrophe über die Kritzendorfer Weinhauer hereingebrochen war, behalfen sie sich mit dem vergorenen Ribiselsaft, der in weiterer Folge sogar zu einem Wahrzeichen des Ortes wurde.

Der hohe Zuckergehalt sowie die herbe Süße dieses Gewächses konnten durchaus tückische Auswirkungen haben. Wie überliefert ist, ließ der Kritzendorfer Ribiselwein Männer kühn und Frauen schwach werden, weshalb ihm alsbald der Spitzname "Kindermacherwein" verpasst wurde. Der bekannte Wiener Schriftsteller Heimito von Doderer, der in seinem literarischen Werk auch die Verhältnisse im Badeort Kritzendorf darstellte, vermerkte, dass das einheimische Getränk "so gefährlich ist, weil’s wie ein Kracherl ausschaut und wie ein starker Wein wirkt".

Zum bacchantischen Ruf von Kritzendorf trug nicht nur der in ordentlichen Quantitäten genossene Ribiselwein bei, sondern auch die inoffizielle Freikörperkultur, die im Dickicht der Natur praktiziert wurde. Wie überliefert ist, wurde in den urwaldartigen Donauauen so manche Affäre ausgelebt. Angeblich wurde Kritzendorf von den Wienern mit Freizügigkeit und knisternder Erotik konnotiert.

Die zusammengeschrumpften Reste des Kritzendorfer Strombades geben noch heute in charmanter Weise eine Ahnung von den seinerzeitigen Erquickungen. Jedenfalls sei Kritzendorfreisenden in sommerlicher Hitze empfohlen, ein Stück Weges durch den Wald hinan zu gehen und sich sodann in den kühlen Fluten des Donaustroms zum Strand hinuntertreiben zu lassen.

Print-Artikel erschienen am 14. Juli 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7