Der vergorene Rebensaft ist nicht nur ein Trunk, der dem gesteigerten Genuss, der Berauschung und – in Maßen konsumiert – der Gesundheit förderlich ist. In mancherlei Situationen vermag er auch der Kreativität und der geistigen Regheit auf die Sprünge zu helfen. So ist eine Reihe von Werken der Weltliteratur unter dem Einfluss des Weins zustandegekommen. Und auch die alten Griechen haben in dieser Hinsicht seine inspirative Wirkung zu schätzen gewusst.

Der vornehmste Zweck des griechischen Symposions war das Führen von geistreichen Gesprächen. Wie schon der Name "Symposion" (geselliges Trinken) ausdrückt, war dieses immer mit Genuss von Wein verbunden. Beim griechischen Symposion, das ausschließlich in begüterten Kreisen abgehalten wurde, fanden sich nach dem Mahl die Männer in Privatgemächern des Gastgebers zum Reden und Trinken zusammen. Frauen hatten in der Regel keinen Zutritt. Eine Ausnahme stellten Dienerinnen, Musikerinnen und Hetären dar. Letztere genossen (in ähnlicher Weise wie japanische Geishas) dank ihrer Bildung und Grazilität durchaus gesellschaftliches Ansehen.

Ein antiker G’spritzter mit Meerwasser

Als Leiter des Symposions fungierte jeweils ein Symposiarch. In nicht wenigen Fällen trat der Gastgeber selber in dieser Rolle auf. Der Auftakt des Symposions erfolgte mit kultischen Handlungen, wie Gebeten und Weinopfern. Sodann führten die auf Liegen gebetteten Männer Gespräche miteinander, während sie aus "Kylix" genannten flachen Schalen Wein genossen.

Zu den Aufgaben des Symposiarchs gehörte das Mischen von Wein und Wasser in einem in der Mitte des Raums befindlichen Krater. Das Verdünnen des Weins war beim Symposion allgemein üblich. Für gewöhnlich wurde Wein ins Wasser gegossen (und nicht umgekehrt), weil die Ansicht bestand, dass dadurch die berauschende Wirkung geringer sei als im umgekehrten Falle. Zur Verdünnung des Weins verwendete man nicht nur Trinkwasser, sondern auch Meerwasser; zudem wurden nicht selten Kräuter zugesetzt. Der Symposiarch gab jeweils das Mischungsverhältnis von Wein und Wasser (etwa 3:1 oder 3:2) bekannt – offenbar deshalb, damit sich die Teilnehmer auf die zu erwartende Wirkung entsprechend einstellen konnten.

Der hier abgebildete Glockenkrater (es gibt auch andere Kraterformen), der um 400 v. Chr. in Athen zum Mischen von Wein und Wasser diente, stellt in rotfiguriger Technik typische Szenen eines Symposions dar: Die mit Kränzen geschmückten Männer sind auf ihren Liegen bei der Unterhaltung dargestellt. Daneben befinden sich Tische, auf denen man sich Brote, Kuchen und Fleisch denken darf. Dass es sich bei der flötenspielenden Figur um eine Frau handelt, darauf verweist alleine schon deren helle Haut. Besonders augenfällig ist das "Rhyton" (vorne Pferd, hinten Trinkhorn), das die rechte Figur zum Einschenken in ihre flache Trinkschale benutzt.

Die Rückseite des wegen seiner besonderen Form als Glockenkrater bezeichneten Gefäßes zeigt drei "Manteljünglinge" mit einer eisernen "Strigilis" (Striegel), die dazu diente, nach dem Turnen (in der Art eines antiken Peelings) Öl, Schweiß, Sand oder Staub vom Körper herunterzuschaben. Turnen war ein wichtiger Teil des griechischen Wertekanons, weshalb diese Szene (gewissermaßen als Standardprogramm) häufig auf Rückseiten von solchen Kratern aufscheint. Zu bewundern ist der gezeigte Glockenkrater in der Dauerausstellung im Kunsthistorischen Museum Wien.

Print-Artikel erschienen am 21. Juli 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7