Im Jahr 1860, vermutlich im Mai, versammelte sich die österreichische Kaiserfamilie auf der Ostterrasse des Schlosses Schönbrunn, um ein Gruppenbild anfertigen zu lassen. Die hier abgebildete Aufnahme, die von Ludwig Angerer ins Werk gesetzt und von ihm unter dem Titel "Die Allerhöchste Kaiserfamilie" vertrieben wurde, war das erste und zugleich einzige repräsentative Familienfoto von Franz Joseph I. und seiner Familie.

"Im Umfeld der Aufnahme darf man sich nur ganz wenige Personen vorstellen", sagt Uwe Schögl, Fotoexperte im Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. Gehilfen des Fotografen hatten sich zum Zeitpunkt des Aufnahmegeschehens aus Respekt vor der Kaiserfamilie zweifellos zurückgezogen. Allenfalls war ein Berater aus dem kaiserlichen Hofstaat zugegen, denn "bei der Inszenierung des Fotos war nichts dem Zufall überlassen", so Schögl.

Auf dem Sofa haben Kaiserin Elisabeth (mit Kronprinz Rudolf und der Erzherzogin Gisela an ihrer Seite) sowie Erzherzogin Sophie, die Mutter Franz Josephs I., Platz genommen. Der noch jugendliche Kaiser begnügt sich mit einem Randplatz. Ebenso wie bei späteren Fotografien trägt er eine Uniform, die Franz Joseph als seine Berufskleidung betrachtete. Die etwas schief sitzende Kappe verleiht dem Monarchen, der mit seiner linken Hand, gewissermaßen zum Zeichen seines Herrschaftsanspruches, den Säbel berührt, eine gewisse Nonchalance.

Nicht zufällig ist Erzherzog Maximilian (gemeinsam mit seiner Gemahlin Charlotte) direkt neben dem Kaiser platziert, denn er kam in der Thronfolge gleich an zweiter Stelle. Der in weiße Uniform gewandete Erzherzog Ludwig Viktor alias "Luziwuzi", wie der jüngste Bruder Franz Josephs in Familienkreisen genannt wurde, sowie Erzherzog Karl Ludwig flankieren ihren Vater, Erzherzog Franz Karl, welcher der Aufnahme mit seinem riesigen Zylinder in recht seltsamer Weise einen betont bürgerlichen Touch verleiht.

Den Kaiserlichen hat die von Ludwig Angerer angefertigte Fotografie ausgesprochen gut gefallen. Dieser wurde per Dekret vom 25. Dezember 1860 mit der umsatzfördernden (und an ihn erstmals verliehenen) Auszeichnung "K.u.k. Hof-Photograph" geehrt.

Print-Artikel erschienen am 4. August 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7