Den Stellenwert der Pferde in der bäuerlich geprägten Lebenswelt der Weinviertler Großväter und Urgroßmütter bringt ein altes (freilich patriarchalisches) Sprichwort auf den Punkt: "Weiber sterben – kein Verderben, Ross verrecken – kann den Bauern schrecken." Obwohl die Aussage dieser Worte auch ein wenig augenzwinkernd intendiert sein mag, war zumindest der auf das Pferd bezogene Teil durchaus ernst gemeint.

Leopold Wanderer aus Bad Pirawarth im Weinviertel, der seit April 2016 seine ansehnliche Kummet-Sammlung im Museumsdorf Niedersulz zur Schau stellt, hat in seiner Kindheit und Jugend in den 1950er und 1960er Jahren noch selbst die bäuerlichen Fuhrwerke und Pferdekutschen in seinem Dorf wahrgenommen. Besonders das mit blinkendem Messing aufgeputzte lederne Pferdegeschirr faszinierte den Heranwachsenden. Insofern landete er in seiner Militärdienstzeit nicht zufällig in der soldatischen Sattlerei, und es war auch kein Zufall gewesen, dass er das Schusterhandwerk erlernt hatte. Späterer war er in Wien selbstständiger Orthopädie-Schuhmachermeister.

Zierkämme aus Messing schmückten die Kummete wohlhabender Bauern. - © Johann Werfring
Zierkämme aus Messing schmückten die Kummete wohlhabender Bauern. - © Johann Werfring

Ross-Zierrat der Oberschichtenbauern

Solcherart geschult war es ihm möglich, die alten Kummete, die er zu einer stattlichen Sammlung zusammengetragen hatte, in Eigenregie zu restaurieren. Durch Zerlegen der Objekte erkundete er deren Machart.

Immer wieder ist Leopold Wanderer im Museumsdorf auch persönlich vor Ort, um Interessierten das Pferdegeschirr zu erklären und auch sonst allerlei Wissenswertes rund ums Thema Pferd zu vermitteln. Wohlhabendere Bauern pflegten ihre Pferde bei bestimmten Gelegenheiten, etwa bei Verkaufstouren mit Weinfuhrwerken, prächtig aufzuputzen. Die beiden hier abgebildeten, mit reichlich Zierrat bestückten Kummete zählen zu den Prunkstücken von Wanderers Sammlung. Im Falle des linken Kummets ist die zugespitzte Form recht deutlich erkennbar; sie war für Weinviertler Verhältnisse besonders typisch. Das rechte Kummet ist, wie das bei prächtig ausgestatteten Gespannen üblich gewesen ist, aufwendiger gestaltet als das linke. Augenfällig sind hier vor allem die Dachsfellbespannung und das rote Staubtuch.

"Rossangeschirren ist eine eigene Wissenschaft", sagt Wanderer. Es konnte bis zu einer Dreiviertelstunde dauern, bis die Pferde fix und fertig angeschirrt waren. Es ist faszinierend, sich von Wanderer die zahlreichen Einzelkomponenten des Pferdegeschirrs und deren Funktionalität erklären zu lassen.

Ebenso spannend sind Wanderers Schilderungen früherer Lebensverhältnisse auf dem Bauernhof. Der Rossknecht etwa nächtigte im Knechtbett direkt im Pferdestall. So konnte er nächtliche Pferde-Koliken mitbekommen oder Unruhe unter den Tieren verhindern. Bereits um 3 Uhr morgens fütterte der Knecht die Pferde, damit diese ausreichend verdauen konnten, ehe sie ab 5 Uhr zum Arbeitseinsatz herangezogen wurden.

Mit Sicherheit trägt die Führung von Leopold Wanderer zu einem sinnvoll abgerundeten Geschichtsbild bei.


Print-Artikel erschienen am 11. August 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7