V. l. n. r.: Modell eines Pferdegespanns mit vierrädrigem Wagen und Amphorenladung, Randfragment einer Amphore für Olivenöl (1. Jahrhundert. v. Chr.), Fußfragment einer Weinamphore aus Istrien (1. Jahrhundert. v. Chr.). - © Johann Werfring
V. l. n. r.: Modell eines Pferdegespanns mit vierrädrigem Wagen und Amphorenladung, Randfragment einer Amphore für Olivenöl (1. Jahrhundert. v. Chr.), Fußfragment einer Weinamphore aus Istrien (1. Jahrhundert. v. Chr.). - © Johann Werfring

Der Abriss des alten Postgebäudes neben dem Wiener Rochusmarkt in Wien-Landstraße, das einer neu zu errichtenden Unternehmenszentrale der Österreichischen Post AG weichen musste, bot der Stadtarchäologie Wien die Möglichkeit, in diesem Bereich ein Schaufenster in die Vergangenheit aufzutun. Die Grabungen fanden von Mai 2014 bis März 2015 im Hofbereich des Postareals Rasumovskygasse 29-31 statt.

Die Ergebnisse der Ausgrabungen übertrafen laut Stadtarchäologie alle Erwartungen und lieferten für unterschiedliche Epochen der Wiener Stadtgeschichte bahnbrechende Erkenntnisse. Mit dem Nachweis eines Langhauses der Linearbandkeramischen Kultur (ca. 5500 bis 5000 v. Chr.) konnte gar der bislang älteste Siedlungsbefund auf Wiener Boden dokumentiert werden.

Die Ausstellung im Römermuseum jedoch fokussiert auf eine spätere Zeit. Im ersten vorchristlichen Jahrhundert entstand im Bereich des heutigen Rochusmarkts ein keltisches Handwerksareal, wo unter anderem Keramik, Münzrohlinge, Schmuck und Bronzeobjekte hergestellt wurden.

Als kleine Sensation werten die Archäologen, dass man dort auch auf römische Artefakte gestoßen ist, zumal hier erstmals das direkte Aufeinandertreffen von Römern und Kelten im Wiener Raum fassbar wurde. Mit dem römischen Fundmaterial in spätlatènezeitlichen Fundkontexten gelang der früheste Nachweis römischer Präsenz lange vor Errichtung des Legionslagers Vindobona, das ja erst im ersten nachchristlichen Jahrhundert entstanden ist.

Römisches Tafelgeschirr (Campana-Teller), 1. Jahrhundert v. Chr. - © Johann Werfring
Römisches Tafelgeschirr (Campana-Teller), 1. Jahrhundert v. Chr. - © Johann Werfring

Über die Umstände, unter denen römische Erzeugnisse im ersten vorchristlichen Jahrhundert ins Keltengebiet, und zwar konkret in die Gegend des nachmaligen Rochusmarkts, gekommen sind, könnte Forscher nur Mutmaßungen anstellen. Beispielsweise könnte es sich zugetragen haben, dass ein römischer Händler entlang der Bernsteinstraße nach Norden zog und – um auf Reisen seine Lebensgewohnheiten beibehalten zu können – bestimmte Utensilien, wie Küchengeschirr oder Olivenöl und Wein, mit sich führte.

Im umgekehrten Falle könnte es auch möglich gewesen sein, dass sich so mancher Kelte auf Reisen in römische Gebiete begab und dort die südländische Lebensweise zu schätzen lernte. Es lässt sich denken, dass keltischen Reisenden in südlichen Gefilden etwa der edle Rebensaft besonders mundete. Solcherart kulturell sozialisiert wollten womöglich manche Kelten nach ihrer Rückkehr nicht mehr auf das bacchantische Getränk verzichten. Infolgedessen könnten sie amphorenweise Wein ans Donaugestade verfrachtet haben. Hinterlassenschaften, wie hier abgebildet, wurden sodann zutage gefördert . . .

Print-Artikel erschienen am 1. September 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7