Ein aus den Beständen des Wien Museums Karlsplatz stammendes Ölgemälde, das sich derzeit in der Sonderausstellung im Ausstellungskabinett der Wienbibliothek befindet, veranschaulicht die typische unterrichtliche Situation in der Barockzeit. Im Zentrum des Geschehens befindet sich der Lehrer, der in Form des Einzelunterrichts einen Schüler drillt. Das Abfragen des Gelernten erfolgte in der Art eines "Verhörs". Der in seiner Hand befindliche Kochlöffel ist so positioniert, dass eine körperliche Züchtigung des Schülers jederzeit möglich ist.

Interessanterweise sind die beiden vom Künstler in den Vordergrund gerückten Kinder gleichermaßen barfuß dargestellt, ein Hinweis auf die sozial inferiore Stellung der beiden. Der am Lehrerkatheder festgebundene Knabe wirkt völlig abwesend und zerstört.

Die strenge Zucht, die in dieser Schule herrscht, verdeutlicht auch der Hilfslehrer, der seinen Stock wie einen Säbel aufragen lässt. Verstärkt wird der Eindruck von Zucht und Ordnung noch durch die devote Geste jenes Schülers, der mit geradezu religiösem Habitus – mit gefalteten Händen – auf den Lehrer zukommt.

Ungewöhnlich aus heutiger Sicht ist die Anwesenheit eines Hundes, der wohl dem Lehrer gehört. Das an der Wand abgehängte Blasmusikinstrument ist ein Hinweis darauf, dass Lehrer schon damals mindestens ein Musikinstrument beherrschen mussten.

In Wien war die Organisation und Aufsicht des Schulwesens damals den Schulorden übertragen. Neben den Jesuiten, die vor allem das Universitätswesen dominierten, waren das vor allem die Piaristen, die bis heute im Wiener Schulgeschehen eine Rolle spielen.

Forderung der Aufklärer

Ausschließlich der Erziehung von Mädchen widmeten sich die im Jahr 1660 von Kaiserin Eleonore nach Wien berufenen Ursulinen sowie seit 1627 die Englischen Fräulein. Im 18. Jahrhundert kamen noch die Salesianerinnen hinzu, ebenso die Schulwestern und Schulbrüder, die bis heute einen ausgesprochen guten Ruf haben.

Zurück zum präsentierten Ausstellungsobjekt: Aufklärer hatten zur Entstehungszeit des Bildes bereits auf eine philanthropische Pädagogik gepocht, jedoch wurde die körperliche Züchtigung erst allmählich zurückgenommen. Wie aus dem in der Ausstellung vertretenen Werk "Nutzliche Schul-Regeln Für Christliche Eltern, Schul-Meister, Und Schul-Kinder (Wien, 1748) hervorgeht, zeigten Eltern zumindest bereits Selbstbewusstsein, indem sie gegen die Züchtigung ihrer Kinder in der Schule ankämpften. Im Buch heißt es: "Darumben es dann geschihet, und zwar öfters, daß, wann man ihre Kinder verdienter massen straffet, sie solches mit Unstimmigkeit, und grosser Aergernuß der übrigen Kinder, aus der Schul nehmen, den armen Schulmeister als einen Kinder-Mörder, und Hencker ausschreyen, und das gantze Schul-Weesen in Abgang bringen."

Von der Schüleranzahl her ist die auf unserem Bild dargestellte Klasse relativ klein. Nachdem unter Maria Theresia und Josef II. Schulreformen durchgeführt worden waren, wuchsen die Klassenschülerzahlen alsbald erheblich an. In dem als Museum geführten Geburtshaus des Komponisten Franz Schubert in der Wiener Nußdorfer Straße 54 unterhielt dessen gleichnamiger Vater eine Schule. Für das Jahr 1796 sind in dieser zweiklassig geführten Schule 174 Schüler verzeichnet, die Schubert gemeinsam mit einem Hilfslehrer unterrichtete. Heute wirkt der Innenbereich des Hauses mit seinen Pawlatschen recht idyllisch. Wenn man sich indes vorstellt, wie die vielen Kinder tagtäglich in den kleinen Hof strömten, ist man geneigt, ins Grübeln zu kommen.

Print-Artikel erschienen am 13. Oktober 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7