Karl Vocelka, langjähriger Vorstand des Instituts für Geschichte und Professor für Österreichische Geschichte an der Universität Wien, ist auch nach seiner Pensionierung hochaktiv. Als Experte habsburgischer Geschichte hat er die wissenschaftliche Ausstellungsleitung der Ausstellungen zum 100. Todestag Kaiser Franz Josephs I. übernommen.

Für die Leser dieser Kolumne hat Karl Vocelka, der gemeinsam mit seiner Frau Michaela Vocelka kürzlich im C.H. Beck Verlag eine herrliche Monografie über Kaiser Franz Joseph herausbrachte, das hier abgedruckte Bild kommentiert. Es wird im Schloß Schönbrunn in dem Ausstellungskapitel "Enkel und Urenkel" gezeigt.

"Kaiser Franz Joseph ist in vielerlei Hinsicht ein unsensibler Vater gewesen, aber er war dann später ein guter Großvater", sagt Vocelka. Auf dem Bild sind sowohl Kinder als auch ein Enkelkind von ihm dargestellt. Im Zentrum des Geschehens befinden sich Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth. Links vom Kaiser steht Erzherzogin Marie Valerie, die jüngste Tochter des Kaiserpaares, und auf der rechten Seite ist Kronprinz Rudolf mit seiner Ehefrau Stephanie von Belgien zu sehen.

Prof. Karl Vocelka mit der vor dem Schloß aufgestellten Kaiserfigur. - © Johann Werfring
Prof. Karl Vocelka mit der vor dem Schloß aufgestellten Kaiserfigur. - © Johann Werfring

Eine unkonventionelle Erzherzogin

Im Vordergrund ist Erzsi, die damals rund dreijährige Tochter des Kronprinzenpaares, abgebildet. Sie war die Lieblingsenkelin von Kaiser Franz Joseph, sagt Vocelka. Ihr erlaubte er sogar anstandslos die Heirat mit Prinz Otto zu Windisch-Graetz, obwohl dies vom Standesunterschied her höchst problematisch war. Zu ihrem Nachruhm als "rote Erzherzogin" sollte ihre langjährige Beziehung und spätere Heirat (1948) mit dem sozialdemokratischen Abgeordneten Leopold Petznek beitragen.

In der dargestellten Weihnachtsszene ahnte noch niemand etwas von der späteren Eigenwilligkeit der Erzherzogin. Hier spielt Erzsi mit ihrer Puppe und erfreut sich am Anblick der prachtvollen Christbäume. Dass es für jede einzelne am Weihnachtsfest teilhabende Person einen eigenen Weihnachtsbaum gab, wie hier zu sehen ist, war damals im kaiserlichen Umfeld nichts Ungewöhnliches, so Vocelka.

Dieses Weihnachtsidyll sei freilich eine idealisierte Darstellung, bei welcher innerfamiliäre Spannungen ausgeklammert sind. Zum Weihnachtsfest 1886 schreibt Maria Valerie, die mit ihrer Schwägerin Stephanie, der Frau Kronprinz Rudolfs, nicht harmonierte, in ihr Tagebuch: "Christbaum, zu welchem Rudolf und Stephanie auch die Kleine mitbrachten (. . .). Oft denke ich mir, wie anderswo das heilige Christfest die Familien vereint in Liebe und Einverständnis – wie selig muss solch ein Kreis doch sein! Mir kommt die Zeit, da es auch bei uns noch so war, wie ein Traum vor – jetzt steht Stephanie zwischen uns und jeder wahren Weihnachtsfreude – auch Rudolf ist anders, so kalt und höhnisch geworden (. . .) um ½ 6 Dinner zu fünft und nachher gingen wir bald auseinander."

Print-Artikel erschienen am 20. Oktober 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7