Kaiserin Anna, die Gemahlin von Kaiser Matthias (1557 bis 1619), der sich vor allem durch seinen Bruderzwist in das kollektive Bewusstsein der Nachgeborenen eingeschrieben hat, bevorzugte schöne Geißeln. Mit ihnen geruhte sie ihren Körper in Eigenregie zu züchtigen.

Das hier abgebildete Objekt aus den Beständen der Geistlichen Schatzkammer in der Wiener Hofburg ist besonders anspruchsvoll ausgeführt: Der Griff besteht aus einem mit gekordelten Drähten umflochtenen Silberrohr, das durch drei Manschetten unterteilt ist. Die vier Geißelschnüre aus roter silberdurchwirkter Seide, die in vergoldeten Messingknöpfen auslaufen, sind mittels Öse direkt mit dem Griff verbunden. Damit das Instrument bei dessen Anwendung nicht etwa aus der Hand rutschte, wurde am unteren Ende des Silberrohrs eine Halteschlaufe angebracht. Gerne möchte man sich bei Betrachtung dieser Pracht-Geißel in die Gedankenwelt jenes Kunsthandwerkers versetzen, der sie hergestellt hat.

Das in der Wiener Hofburg ausgestellte Bußgerät ist eng mit der Familiengeschichte der Kaiserin Anna verknüpft. Deren Mutter, Anna Caterina Gonzaga, die zweite Gemahlin Erzherzog Ferdinands II. von Tirol, hatte ihre Wurzeln in einem extrem katholisch dominierten Umfeld. Ihr Vater war der regierende Herzog von Mantua und Montferrat, zwei ihrer Cousins avancierten zu Kardinälen und ihr Onkel Luigi wurde später sogar heiliggesprochen.

22 Geißeln für das Damenstift

Anna Caterina Gonzaga hatte etliche Klöster gegründet. Nach dem Tod Ferdinands II. trat die Mutter der Kaiserin Anna in Innsbruck sogar in ein von ihr gegründetes Damenstift, das sogenannte Regelhaus, ein. Selbstgeißelungen scheinen dort an der Tagesordnung gewesen zu sein. Wie überliefert ist, gab Anna Caterina bei einem Weißgerber 1613/14 insgesamt 22 Geißeln für das Regelhaus in Auftrag. Kein Wunder also, dass sich bei solch einer Beeinflussung auch die Kaiserin Anna entsprechende Bußübungen auferlegte.

Nachdem schon Anna Caterina in Innsbruck ein Kapuzinerkloster gegründet hatte, rief auch deren Tochter Anna nach ihrer Thronbesteigung als Kaiserin drei Kapuzinerklöster (in Regensburg, Steyr und Budweis) ins Leben. Als schließlich ihr Gemahl Matthias im Jahr 1617 den kaiserlichen Hof endgültig von Prag nach Wien verlegte, machte sie sich daran, auch am Donaugestade ein Kapuzinerkloster zu gründen.

Es hat den Anschein, dass der enge Kontakt der Kaiserin Anna wie auch deren Mutter Anna Caterina zu den Kapuzinern in punkto Selbstgeißelung eine gewisse Triebfeder gewesen ist. Wie aus dem später erbauten Wiener Kapuzinerkloster bekannt ist, waren die Mönche dazu verpflichtet, sich zumindest einmal pro Woche zu "disziplinieren". Nach den gegenreformatorischen Lehren, die auch in der Lebenswelt der Kaiserin Anna keine geringe Rolle spielten, sollte durch die Unterdrückung des Körpers der Geist geläutert und gereinigt werden. Vor allem galt es, vermittels der "Imitatio Christi" die Qualen des Glaubensgründers nachzuvollziehen, die jener an der Geißelsäule auszustehen genötigt war.

Die Vollendung des von ihr gestifteten Kapuzinerklosters am Wiener Neuen Markt erlebte Kaiserin Anna nicht. Annas testamentarische Verfügung beinhaltete auch die Einrichtung einer Schatzkammer für die kostbar gefassten Reliquien, die sie dem Kloster vermachte sowie die Anlage einer Grabkammer für sich und ihren kaiserlichen Gemahl. Gemeinsam mit den Reliquien und sonstigen Preziosen kamen auch die Geißeln der Kaiserin in die Schatzkammer der Kapuziner. Erst nach dem Niedergang der Habsburgermonarchie wurden die Kostbarkeiten dem Wiener Kunsthistorischen Museum übergeben. Mit ihrem Auftrag für eine eigene Grabkammer hatte Kaiserin Anna auch die Voraussetzungen für eine neue Grablege der Habsburgerdynastie in der Kapuzinergruft geschaffen.

Print-Artikel erschienen am 27. Oktober 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7