Zur Ausstellung ist ein Buch von Johannes Hradecky, Mitarbeiter im Bezirksmuseum Simmering, und Werner Chmelar von der Stadtarchäologie Wien erschienen. Ausstellung und Buch handeln detailreich die Geschichte des zu Beginn des 19. Jahrhunderts gebauten Schifffahrtskanals ab, der von Wien bis Wiener Neustadt fertig gestellt wurde (bis Pöttsching gab es eine Verlängerung) und sogar bis nach Triest geplant war. Dass er schon nach etlichen Jahrzehnten infolge des zügigen Ausbaus des Eisenbahnnetzes an Bedeutung verlieren sollte, war zu Projektbeginn keineswegs absehbar.

Am Beginn des Zeitalters der Industrialisierung, in der die kaiserliche Residenzstadt einen immens gesteigerten Bedarf vor allem an Bau- und Brennholz hatte, leistete der Kanal nach seiner Eröffnung 1803 Beachtliches. Ein einziges Pferd reichte aus, um mit einem langen Kanalschiff 30 Tonnen zu bewegen. Demgegenüber hatte ein Pferd mit einem Fuhrwerk auf der ebenen Straße eine Zugleistung von einer Tonne, und im Falle der später aufgekommenen Pferdeeisenbahn konnte ein Pferd nur 6,75 Tonnen bewegen.

Kanalschiff mit Steuermann, Mann am Vorschiff, Pferd und Pferdeführer. Modell im Bezirksmuseum Simmering. - © Johann Werfring
Kanalschiff mit Steuermann, Mann am Vorschiff, Pferd und Pferdeführer. Modell im Bezirksmuseum Simmering. - © Johann Werfring

Zwischen Wiener Neustadt und Wien liegen rund 100 Höhenmeter, die der Kanal in 50 Gefällestufen überwand. In den 50 Schleusenkammern mit je 24,70 Meter Länge wurden die Schiffe binnen drei bis vier Minuten gehoben oder abgesenkt. Zu den eindrucksvollen Kanalbauwerken zählten weiters die ursprünglich 16 Aquädukte, mit denen auch Gewässer überquert wurden.

Die Schiffsbesatzung bestand aus drei Mann: Steuermann, ein Mann auf dem Vorschiff, der dafür sorgte, dass das Schiff von Hindernissen freikam, und ein Pferdeführer, der gemeinsam mit dem Pferd auf dem Treppelweg einherschritt. Binnen 16 Stunden konnte so die Fracht über 56 Kilometer von Wiener Neustadt nach Wien transportiert werden. Unser Bild zeigt den ersten Wiener Kanalhafen mit dem Lagerplatz im Bereich der Landstraßer Hauptstraße vor den Toren der Stadt. 1849 wurde der Wiener Hafen zwei Kilometer nach Süden verlegt. Er befand sich dort, wo später der Aspangbahnhof entstand; kürzlich wurde in diesem Bereich die Siedlung "Eurogate" angelegt.

In der Ausstellung und im Buch werden auch Spezifika behandelt, die sich auf die Bezirksgeschichte von Simmering beziehen. So gab es seitens der Stadt Wien den Wunsch, den Kanal für den Leichentransport zu dem 1874 in Simmering eröffneten Zentralfriedhof zu nutzen, der letztlich aber nicht erfüllt wurde.

1879 wurde schließlich auch das zweite Wiener Hafenbecken zugeschüttet. Südlich von Wien, zwischen Wiener Neustadt und Biedermannsdorf, sind heute noch rund 36 Kilometer vom Kanal vorhanden. Der Treppelweg wird heute als Fahrradweg genützt.

Print-Artikel erschienen am 15. Dezember 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7