Johann Baptist Reiter (1813–1890): Schlummernde Frau (Ausschnitt), Öl auf Leinwand, 55 x 68 cm, 1849. - © Belvedere
Johann Baptist Reiter (1813–1890): Schlummernde Frau (Ausschnitt), Öl auf Leinwand, 55 x 68 cm, 1849. - © Belvedere

Den menschlichen Hang, die Dinge abzugrenzen und zu etikettieren, hat der originelle Dichter und Denker Egon Friedell (1878–1938) als "Wille zur Schachtel" bezeichnet. Nicht selten kommt es vor, dass Dinge und Phänomene infolge dieser heftigen menschlichen Leidenschaft mit zweifelhaften Begriffen klassifiziert werden – mithin in der falschen Schachtel landen. Auf das Biedermeier als Bezeichnung für einen Kunststil trifft dies insbesondere zu, worauf die Ausstellungsmacher völlig zu Recht hinweisen. Kuratorin Sabine Grabner bringt die Problematik in einem Kapitel des vorzüglichen Ausstellungskatalogs trefflich auf den Punkt: "Es ist vorstellbar, dass die Epoche heute mit einem anderen Namen größere Akzeptanz in der Bevölkerung und vor allem bei der Jugend erfahren würde".

Der Ausstellungsrundgang hinterlässt bei all der Vielfalt an Sujets und dargebotenen künstlerischen Ideen den Eindruck einer gewissen Einheitlichkeit. Man ist geneigt, dem Gros der Maler einen gütigen Blick auf die Welt zu bescheinigen. Der realistische Blick der Kunstschaffenden auf Mensch und Landschaft suggeriert in seiner spezifischen Ausformung eine Harmonie im Weltgefüge, die bestehen darf, obwohl auch soziale und individuelle Unzulänglichkeiten (die zum großen Ganzen eben dazugehören) zum Thema gemacht werden. Es würde sich – in Anknüpfung an den provokanten Ausstellungstitel – tatsächlich auszahlen, für die Epoche ein völlig neues Schachtel-Etikett zu ersinnen.

Eine spezielle Stellung unter den in der Ausstellung versammelten Künstlern kommt dem aus Oberösterreich stammenden und später in Wien beheimateten Maler Johann Baptist Reiter zu, der sich in einer Reihe von Werken dem Liebreiz anmutiger Frauen widmet. Bei der "Schlummernden Frau", die sich in einem biedermeierlichen Bett in ganz und gar unbiederer Manier halbnackt den Blicken der Betrachter präsentiert, dürfte es sich um die erste Ehefrau des Künstlers handeln.

Print-Artikel erschienen am 22. Dezember 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7