Als im Zuge des U-Bahn-Baus im Jahr 1973 unter dem Stephansplatz die Virgilkapelle wiederentdeckt wurde, stellte das in Wien eine kleine Sensation dar (für ausgesprochene Kulturmenschen war es freilich eine Riesensensation). Im Jahr 2008 musste die Kapelle aus konservatorischen Gründen geschlossen werden. Im Zuge der Restaurierung wurde unter anderem, infolge des durch die hohe Luftfeuchtigkeit zu befürchtenden rasanten Verfalls, eine Klimaanlage eingebaut und im Nebenraum ein kleines Museum installiert, welches zum einen die Kapelle selbst, zum anderen in spannender Weise die Verhältnisse im vorindustriellen Wien thematisiert.

Die Zeit der Schließung von 2008 bis Ende 2015 wurde für intensive interdisziplinäre Forschungen genützt. Deren Resultate sind nun in einem umfänglichen – über Crowdfunding finanzierten – Buch nachzulesen.

Wenngleich über die Frühzeit der im 13. Jahrhundert gebauten Kapelle keine schriftlichen Quellen vorliegen, konnten die Forscher in geradezu detektivischer Manier Licht ins Dunkel der Geschichte bringen und allerlei spannende Hypothesen aufstellen. Vor allem die Rolle des Babenberger-Herzogs Friedrich II., des Streitbaren (1211–1246), der sich um eine Anerkennung Österreichs als Königreich bemühte, ist im Buch spannend dokumentiert. Da es immens wichtig war, einen Landesheiligen zu küren und dessen Reliquien vor Ort zu haben, dürfte Friedrich die Kapelle für deren Unterbringung auserkoren haben, so die Forscher. Indes kam es durch seinen frühen Tod nicht zur Verwirklichung der Pläne.

Illustration des unterirdischen Raumes vor Einbau eines Gewölbes mit einer darüber geplanten Kapelle. - © Patrick Schicht
Illustration des unterirdischen Raumes vor Einbau eines Gewölbes mit einer darüber geplanten Kapelle. - © Patrick Schicht

Später wurde die Virgil-Kapelle mit der Maria-Magdalena-Kapelle überbaut und anderweitig genützt. Diese ganz dicht neben der Stephanskirche in deren Schatten befindliche Kapelle (die 1781 abbrannte) und deren Untergeschoß, die Virgilkapelle, haben eine recht komplexe Geschichte. Es ist empfehlenswert, sich die Zeit für eine Führung zu nehmen, bei welcher Kulturinteressierte ihr Bild von der Geschichte Wiens erheblich abrunden können.

Print-Artikel erschienen am 26. Jänner 2017
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7