Auf den ersten Blick wirkt das neue Triptychon am Altar für die verfolgten Christen in der Wiener Augustinerkirche wie ein farbenfrohes dreiteiliges Gemälde. Bei näherer Betrachtung haftet der Blick indes sehr rasch an der im Mittelteil platzierten Handgranate und am Schriftzug "Boko Haram", dessen zweiten Buchstaben die Granate bildet. Der vierte Buchstabe ist als grausame grüne Fratze auszumachen, die unterhalb mit roboterartigen Armen ausgestattet ist und mit einem Messer einer dunklen Gestalt an die Gurgel geht.

Eine ganze Anzahl von Gräueltaten ist über das mittlere Bild verteilt. Die christlichen Opfer sind zum Teil mit Kreuzen gekennzeichnet. Am unteren Ende sind abgeschnittene Christen-Köpfe zu sehen. Aus ihnen ragt das Kreuz, an dem sich Jesus befindet, empor und durchbricht den Schriftzug "Boko Haram".

Nach Betrachtung der zahlreichen Einzelszenen wandelt sich die Wahrnehmung immens. Nicht mehr farbenfroh, sondern wie ein Inferno erscheinen nun die gelben und rötlichen Farbtöne. Das Gemälde mit dem auf den Leichen errichteten Kreuz entpuppt sich als Golgotha-Bild des 21. Jahrhunderts.

Die Augustinerkirche wird in der engen Straße mitunter übersehen. - © Johann Werfring
Die Augustinerkirche wird in der engen Straße mitunter übersehen. - © Johann Werfring

Die islamistische Terrororganisation Boko Haram treibt ihr Unwesen vor allem in Nigeria, aber auch in angrenzenden Ländern. Im Jahr 2015 schloss sie sich dem Islamischen Staat (IS respektive ISIS) an, worauf ein entsprechender Schriftzug auf der rechten Tafel des Triptychons verweist. Eine brennende christliche Kirche, ein Kreuz, an welchem Menschen aufgehängt sind sowie weitere Darstellungen verweisen auch an diesem Teil des Triptychons auf die Verbrechen der islamistischen Gruppierung. Der linke Teil des Triptychons veranschaulicht, dass die Mordlust der Täter auch vor Frauen und Kindern nicht Halt macht.

Leidvolle Erfahrungen in Nigeria

Samuel Palmtree, der das Triptychon geschaffen hat, ließ in dieses Kunstwerk seine eigenen Erfahrungen in Nigeria wie auch Erzählungen geflüchteter Überlebender einfließen. Alles in allem wurzelt das im Jahr 2015 geschaffene Werk in der jüngsten Verfolgungssituation in Nigeria.

Wichtig sei auch, was dieses Triptychon nicht zeigt, so Elmar Kuhn, Generalsekretär von CSI-Österreich (CSI steht für das Hilfswerk "Christian Solidarity International" und bedeutet "Christliche Solidarität International"). "Es werden in keiner Weise der Koran oder der Islam als Religion grundsätzlich angegriffen oder in Generalverdacht erhoben", so Kuhn. Am Beispiel der verfolgten Christen sei das Bild als flammender Appell für das Menschenrecht auf Religionsfreiheit und gegen jeden Terror, der im Namen Gottes verübt wird, zu verstehen.

Die Wiener Augustinerkirche zählt übrigens nicht zu den Gotteshäusern mit opulenter, sondern mit eleganter Ausstattung. Das moderne Triptychon am Seitenaltar fügt sich überraschend harmonisch ins Gesamtensemble.

Print-Artikel erschienen am 2. März 2017
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7