Auf dem Platz thront die Karlskirche, allesbeherrschend. Im modernen Gebäude links daneben, im gedanklichen Schatten des katholischen Prunkbaus, verhandelt das Wien Museum den Protestantismus in der österreichischen Hauptstadt. Dem Kirchenbau sieht man schon von außen den Weihrauch und die wuchernde barocke Frömmigkeit an. Der Protestantismus mit seiner Absage an die Pracht der Religion passt gut in den ornamentlosen Zweckbau.

Die Lichtempfindlichkeit der ausgestellten Objekte verlangt die Abdunklung des Raums. Das ist der ganz pragmatische Grund. Dennoch ist im nüchternen Haus die Feierlichkeit wie mit Händen zu greifen: Einer der nur in drei Exemplaren vorhandenen Originaldrucke von Luthers Thesen liegt in einer Vitrine, in einer anderen ein originaler Augsburger Religionsfrieden, in einer dritten ein originales Augsburger Bekenntnis. Hätte der Protestantismus Heiligtümer: Das wären sie. Sie kommen aus dem Staatsarchiv, erstmals sind sie gemeinsam in einer Ausstellung zu sehen.

Wider die Pfaffen

Mit der Geschichte der Protestanten in Wien haben diese drei zentralen Dokumente der Lutheraner nur am Rand zu tun. Aber warum sie nicht herzeigen, wenn man kann und es thematisch halbwegs passt? So signalisiert die Farbe Rot alle Ausstellungsobjekte zum Protestantismus allgemein - das ist und soll auch gar nicht umfassend sein. Vieles darüber hinaus Erklärenswerte ist in den 405-Seiten-Katalog ausgelagert, der ohne Ausstellung besteht, dieser aber auch einen Hallraum verschafft.

Was Wien selbst betrifft, so waren in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts 70 Prozent der Bevölkerung protestantisch. Der Hass auf die "Pfaffen", die Vertreter der katholischen Geistlichkeit, geht in Österreich bis tief ins Mittelalter zurück und trieb dem Protestantismus Gläubige in Scharen zu.

Katholisch war der habsburgische Landesherr. Wien jedoch war - wenigstens zumeist - nicht nur der Hauptsitz des österreichischen Regenten, der als Kaiser des Heiligen Römischen Reichs dem Papst verbunden war, sondern auch die Hauptstadt Niederösterreichs. Und Niederösterreich glaubte auf protestantische Weise.

Dass Landesfürsten zum Protestantismus neigten, war häufig machtpolitisch motiviert: Das Kaisertum spiegelte in seinem Selbstverständnis die himmlische Ordnung auf die Erde; der Protestantismus widersetzte sich dem Obrigkeitsdenken - der Fürst fühlte sich in einer weniger hierarchischen Ordnung aufgewertet.

Der kaiserliche Hof hielt dagegen - doch hin und wieder entpuppte sich ein geförderter katholischer Prediger als Protestant in der Albe und hielt seine ketzerischen Reden gar im Stephansdom. Noch verschwammen ja die Grenzziehungen zwischen den beiden Religionen.

Einer protestantischen Hauptstadt konnte der katholische Landesherr nicht lange zuschauen. Er untersagte die Ausübung des evangelischen Glaubens in Wien - mit dem Ergebnis, dass sich sonntags die Stadt leerte: Tausende Menschen strömten in die Dorfkirchen außerhalb der Stadtmauern. In Vösendorf, Hernals und Inzersdorf konnte man sich nach Herzensfrommheit lutheranisch gebärden. Bis der Kaiser in der Gegenreformation auch dieses sogenannte Auslaufen verbot. Die protestantischen Prediger in Niederösterreich hätten die teilnehmenden Wiener melden müssen. Doch sie machten es nicht. Also verwies der Kaiser sie seines Landes. Bloß, dass ihre Nachfolger gerade ebenso handelten, ebenfalls des Landes verwiesen wurden und Nachfolger hatten, die sich ebenfalls lieber des Landes verweisen ließen, als Verrat zu begehen. Das Spiel dauert bis 1609, da wird das Auslaufen legalisiert. Katholische Prediger werden ins Land geholt, ab 1650 wächst das katholische Leben wieder. Die katholische Landrückgewinnung gibt Joseph II. dann 1781 die Möglichkeit zu seinem Toleranzpatent aus einer Position der Stärke heraus.

Der Ausstellung ist hoch anzurechnen, dass sie sich um die Problematik von Protestantismus und Judentum nicht drückt (Luther war ein fanatischer Antijudaist), wie sie überhaupt die Auseinandersetzung zwischen den Religionen darstellt, ohne die Religionen dafür anzuklagen. Beim Verlassen der Ausstellung kann man einen Blick auf die Karlskirche werfen und die dort beheimatete Religion immer noch sympathisch finden.