Der Schönbrunner Schlosspark ist ein in hohem Maße beschaulicher Ort, den man keinesfalls missverstehen sollte. Noch viel beschaulicher habe ich ihn vor rund 30 Jahren erlebt. Man konnte damals auf einer Parkbank sitzend noch ungestört mit einem Klassiker der deutschen Literatur in reizende Gedankenwelten versinken. Die Weitläufigkeit des Parks sorgte dafür, dass die feierliche Aura der Anlage selbst bei starker touristischer Frequenz in keiner Weise beeinträchtigt gewesen ist.

Massiver Mentalitätswandel, Globalisierung, fortschreitende Technisierung und weitere Faktoren des Alltagslebens haben in den vergangenen Dezennien auch vor den Toren der prächtigsten Parkanlage des Landes nicht Halt gemacht. Hatte man ehedem noch respektvoll die adretten Gartenwege benützt, so trampeln Massen von Parkbesuchern heutzutage ungeniert über den Rasen und picknicken zwanglos in den zur Gloriette hinan führenden Wiesen des Schönbrunner Bergs. Zahlreiche Läufer funktionieren den Park zu einer Sportanlage um. Für ihre Bedürfnisse ist im Internet ein "Laufplan Schönbrunn zum Download" bereitgestellt. Hat man mit einem Buch auf einer Parkbank Platz genommen, so kann einem nicht nur das ständige Krtsch-krtsch, das die sogenannten Nordic Walker mit ihren metallenen Stöcken auf Schotterwegen verursachen, die Muße verderben. Auch unablässig telefonierende Passanten verunmöglichen ungestörte Lektüre.

Alles in allem widersteht die Aura der Anlage den Beeinträchtigungen aber in gar wundersamer Weise: Ungeachtet der unliebsamen Veränderungen, die sich in letzter Zeit ergeben haben, ist man geneigt, diese ganz einfach zu abstrahieren.

Nicht spazieren möchte man an diesem Ort, auch nicht flanieren oder schlendern. Nein, all das ist viel zu wenig beschaulich und feierlich. Die einzig korrekte Fortbewegungsform in solchem Umfeld, wo Heroen und Götter die Wege säumen, ist Lustwandeln.

Die beiden hier abgebildeten Einzelfiguren stehen im Großen Parterre des Parks. Es handelt sich um Herkules und Omphale, die einen Rollentausch vollzogen haben: Während der für seine unermessliche Stärke bekannte Heros in der linken Hand mit einem Spinnrocken, der klassischerweise ein Symbol für Frauenarbeit war, dargestellt ist, hat dessen Angebetete die herkulische Keule ergriffen. In einem anderen Teil des Parks, nämlich oberhalb der Schönbrunner Ruine, ist Herkules in klassischer Rolle zu erspähen. Hier knüppelt er gerade die Neidfurie und weist sie in solcher Manier schwungvoll in ihre Schranken.

Indem sie beständig mit Göttern, Heroen und sonstigen Gestalten der Antike in Kontakt kommen, können sich Schönbrunner Lustwandler sukzessive den klassischen Exemplifikationen des Weltgefüges annähern. Schade nur, dass heutige Bildungseinrichtungen kaum noch Voraussetzungen dafür schaffen.

Print-Artikel erschienen am 23. März 2017
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7