Walter Gartler: Werk aus der Serie "Verbrannte Schriften", 2013 (l.); Drahtobjekt, 2011 (r.). - © Johann Werfring
Walter Gartler: Werk aus der Serie "Verbrannte Schriften", 2013 (l.); Drahtobjekt, 2011 (r.). - © Johann Werfring

Der in Wien geborene und heute in Spanien wirkende Philosoph und Künstler Walter Gartler ist eine Persönlichkeit mit vielen Facetten. Ein Vierteljahrhundert lang bot er am Institut für Philosophie der Universität Wien Lehrveranstaltungen an. Von den Studenten wurde er gleichermaßen verehrt und abgelehnt. Während ihn die einen als charismatischen Wissenschafter und Lehrer schätzten und liebten, konnten andere seinen Vorlesungen kaum etwas abgewinnen. Es bedurfte einer geballten Lektüre-Erfahrung, um seinen Ausführungen folgen zu können.

Heute betreibt Gartler in dem 95 Kilometer südwestlich von Valencia gelegenen mittelalterlichen Städtchen Bocairente zwei museale Gästehäuser. Ausgestellt sind dort ausschließlich Objekte seiner Hunderte Kunstwerke umfassenden Arte-Povera-Arbeiten. Ursprünglich inspiriert durch Henri Michaux, Antoni Tapies und Manolo Millares, generierte Gartler im Lauf der Jahrzehnte seinen eigenen Stil der "armen Kunst". Vielfach greift er Dinge des Alltags wie kaputte Sessel, Fenster oder Möbel aus ihrem Kontext der Verworfenheit heraus und gibt ihnen einen neuen Rahmen, verleiht ihnen damit eine Aura und macht sie zu verstörenden "Denkobjekten". Immer geht es dabei auch um Vergänglichkeit, "Heiligkeit" (Bataille) und "Gott" (Nietzsche).

Walter Gartler: Philosoph, Künstler, Kämpfer für soziale Gerechtigkeit. - © Martha Lenz
Walter Gartler: Philosoph, Künstler, Kämpfer für soziale Gerechtigkeit. - © Martha Lenz

"Kunst hatte einstmals die Aufgabe, Gott selber darzustellen", indes sei dessen zunehmende Inkonsistenz in der Moderne die eigentliche Herausforderung für ihn als Künstler. Mit Objekten, wie dem hier abgebildeten, beabsichtigt er das Konzept der Schrift zu erweitern. "Ich bin ein Schriftbesessener", so Gartler, der unter dem Werktitel "Verbrannte Schriften" eine ganze Serie derartiger Bilder geschaffen hat.

In Bocairente, wo er mit seinen Arbeiten auch im städtischen Museo Antoni Ferri vertreten ist, wird Gartler als ein Meister und Magier wahrgenommen. Meister deshalb, weil seine Kunst beachtet und bewundert wird; Magier deshalb, weil er aus scheinbar nutzlosen Dingen Kunstwerke zaubert.

Das pittoreske Stadtbild von Bocairente. - © Johann Werfring
Das pittoreske Stadtbild von Bocairente. - © Johann Werfring

Gartlers Kunst ist eingebettet in ein Lebenskonzept der "Ars bene vivendi" (die Kunst gut zu leben), zu dem auch seine beiden Gästehäuser, seine 15 Katzen, seine meisterlich vorgetragene Flamenco-Musik sowie Wein und Kulinarik dazugehören. Gewissermaßen darf er als Epikureer ohne Luxus angesprochen werden. Die Gäste seiner musealen Häuser profitieren davon. Wenn die Chemie stimmt, krempelt Gartler gern die Ärmel auf und erfreut diese mit Musik und lukullischer Bewirtung.

Print-Artikel erschienen am 27. April 2017
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7