Jesuskinder nach italienischer Art im Pfarrhof Herrenhaus Niedersulz. - © Johann Werfring
Jesuskinder nach italienischer Art im Pfarrhof Herrenhaus Niedersulz. - © Johann Werfring

Was der Wille eines einzelnen Menschen alles zu bewirken vermag, wird am Lebenswerk von Josef Geissler aus Niedersulz deutlich. Schon früh hatte ihn die Sammelleidenschaft gepackt. Nachdem es ihn als 16-Jährigen ins Marchfeldmuseum Weikendorf verschlagen hatte, wusste er, dass die Museumswelt dereinst sein Schicksal sein würde. Während andere Jugendliche recht profanen Freizeitvergnügungen nachgingen, fuhr der
16-jährige Josef Geissler mit seinem Moped in alle möglichen niederösterreichischen Gegenden, um sich museale Sammlungen anzusehen.

"Wir werden das dem Buben schon noch austreiben", hieß es damals in seinem Elternhaus, wo man davon ausging, dass er den Bauernhof übernehmen würde. In weiterer Folge trat seine Schwester die landwirtschaftliche Betriebsnachfolge an, er selbst erlernte den Beruf des Kirchenmalers und arbeitete im Bereich der Diözese Wien.

Der Beginn der Sammelleidenschaft

Josef Geissler wendete sein gesamtes Vermögen für museale Zwecke auf. - © Johann Werfring
Josef Geissler wendete sein gesamtes Vermögen für museale Zwecke auf. - © Johann Werfring

Sein erstes Sammelobjekt war eine Gott-Vater-Figur, die er im Alter von 17 Jahren in einem alten Weinviertler Presshaus entdeckt hatte. Ein Bauer, der die Bergung des Stücks mit ansah, fragte Geissler, was er denn damit vorhabe. Jener entgegnete: "Ich will ein Museum machen." Der Bauer lachte.

1977 hatte Geissler bereits derart viele Sammelstücke erworben, dass er in seinem Heimatort Niedersulz das Weinviertler Dorfmuseum gründete. In weiterer Folge sammelte er nicht nur Dinge, sondern gleich ganze Häuser. So gründete er 1979 das Museumsdorf Niedersulz und errichtete dort im Lauf der Zeit mehr als 80 Objekte. Die alten Gebäude hatte er allesamt vor der Abrissbirne bewahrt und detailgetreu im Museumsdorf wiedererrichtet.

Als Geissler – mittlerweile für seine Verdienste mit dem Professorentitel geehrt – 2011 in Pension ging und das von ihm gegründete Museumsdorf vom Land Niederösterreich übernommen worden war, wandte er sich sogleich einem neuen Projekt zu. Im alten Pfarrhof von Niedersulz, dem einstigen Herrenhaus der Herrschaft Heiligenkreuz, eröffnete er 2013 ein neues Museum, wo er seine Sammlung sakraler Kunst, die er in
50-jähriger Sammeltätigkeit zusammengetragen hatte, unterbrachte.

Was Geissler dort zu Schau stellt, ist beachtlich. In wohlgeordneter Aufstellung präsentieren sich dem Auge unzählige Objekte der Volks- und Kirchenkunst mit Schwerpunkt 18. und 19. Jahrhundert. Beim Rundgang durch das schöne Gebäude überkommt einen mitunter der Gedanke, dass der geballte Himmel in den Pfarrhof herniedergekommen sei. Die Schau ist derart umfänglich und reizend, dass man wiederkommen möchte. Geissler führt persönlich.

Print-Artikel erschienen am 24. Mai 2017
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7