Wien. Das frühere Völkerkundemuseum wird nach jahrelanger Schließung, massiver Verkleinerung und inhaltlicher Neukonzeption am 25. Oktober als Weltmuseum Wien wiedereröffnet. Direktor Steven Engelsman im Gespräch über imperiale Urteile, die Sammlerwut der Habsburger und Objekte mit Migrationshintergrund.

"Wiener Zeitung": Wir können per Mausklick oder Flugzeug in die entlegensten Winkel reisen. Wozu brauchen wir noch ein Weltmuseum?

Steven Engelsman:Sicher nicht, um uns die Welt vor Ort zu ersetzen durch eine Schausammlung. Dazu wurden Völkerkundemuseen gegründet, um die Welt von ganz weit weg darzustellen, um die exotische Ferne zu zeigen und Leuten Geschmack darauf zu machen, in kolonialen Projekten mitzumachen. Heute liefert das Fernsehen die Welt in die Wohnzimmer, man kann hinfliegen. Auch die Menschen sind nicht mehr exotisch, sie sind migriert und sind jetzt unsere Nachbarn. Das hat für die Völkerkundemuseen eine riesige Veränderung bedeutet. In Wien haben wir uns vorgenommen, diese überraschend guten Sammlungen zeigen und immer wieder zu erzählen, wie sie hierher gekommen sind. Die Sammlungen erzählen von einer großen Weltoffenheit Österreichs - obwohl es im kolonialen Projekt ja gar nicht so stark eingebunden war. Österreich hatte schon mit dem k.u.k.-Reich genug zu tun.

Steven Engelsman verabschiedet sich nach der Eröffnung. - © KHM
Steven Engelsman verabschiedet sich nach der Eröffnung. - © KHM

Worin besteht die neue, die zeitgemäße Aufgabe der Weltmuseen?

Darin, kulturelle Vielfalt zu zelebrieren und zu vermitteln. Schon alleine durch die Namensänderung versuchen wir, auf Augenhöhe zu kommunizieren, uns vom herablassenden Gestus der Völkerkunde zu distanzieren. Wir erzählen anderen über euch, ohne, dass ihr eine Stimme habt - das geht heute nicht mehr.

Wie gehen Sie mit dem Erbe der Völkerkunde um?

Wir sind stolz darauf, dass wir diese Sammlungen haben - etwa die Privatsammlung von Kapitän James Cook. Sie ist ein Idealfall, eine First-Contact-Ethnology, die Objekte mitgebracht hat, lange bevor Europäer in den Pazifik vorgedrungen sind. Objekte, die nicht beeinflusst waren durch den Geschmack der Europäer. Dass sie in Wien ist und nicht in London, verdanken wir der Sammlerfreude von Franz I., der hier gescheiter war als die britische Krone. Diese Geschichte erzähle ich gerne. Und die britischen Kollegen sind ziemlich neidisch.

Viele Exponate sind in der Kolonialzeit erworben und nicht immer freiwillig abgegeben worden. Klebt immer Blut an den Objekten?

Das gilt nicht für alle Sammlungen. Natürlich sind einige unter komplizierten Umständen an Museen gelangt. Etwa der Benin-Sammlung, bei der wir seit Jahren versuchen, einen Modus zu finden, etwa eine Sammlung zu teilen. Da ist in der Schließzeit einiges passiert. Auch international.

Schlummern da viele problematische Geschichten in den Depots?

Es schlummern wahnsinnig viele Geschichten in den Sammlungen. Zum Glück. Das ist ein unerschöpflicher Schatz. Im Augenblick kenne ich keine problematischen Geschichten, die müssten erst auf den Tisch kommen. Aber wenn Nachfahren von ursprünglichen Eigentümern sich bei uns mit Ansprüchen melden sollten, dann würden wir eine Lösung finden wollen - das ist Teil unserer Aufgabe, uns den Fragen zu stellen, wie die Objekte in unseren Besitz gekommen sind.

Die Kolonialzeit, aus der viele Objekte stammen, gilt als Wurzel für viele heutige Konflikte und Probleme. Kann ein Weltmuseum da Aufklärungsarbeit leisten?

Diese lange Periode der Aneignung und der europäischen Herrschaft hat Ungleichheit institutionalisiert. Die ist zwar nach 1945 formal aufgelöst worden. Doch die Probleme und auch die Haltung, wie man miteinander umgeht, waren noch lange nicht vorbei. Das wird auch noch einige Generationen dauern. Das Trauma römischer Herrschaft haben wir letztlich auch überwunden. Irgendwann wird es vorbei sein, aber prägend wird es bleiben. Diese Prägungen aufzuarbeiten, ist zentrales Thema des Weltmuseums.

Menschen sind mobiler als früher, Gesellschaften multikultureller. Ist es Aufgabe eines Weltmuseums, diese Pluralität abzubilden?

Abbilden nicht, aber ihnen ein Zuhause geben. Abbilden birgt immer die Gefahr der Beleidigung. Wir haben eine Sammlung von 200.000 Objekten mit Migrationshintergrund. Und in Wien leben an die 800.000 Menschen mit Migrationshintergrund. Viele von ihnen werden Objekte bei uns im Haus antreffen, die aus der selben Gegend migriert sind. In diesem Sinne sind wir das Bezirksmuseum für die Wiener mit Migrationshintergrund. Das wollen wir leisten: Menschen und ihrer Herkunftskultur ein Zuhause geben.

Wie gestaltet sich da die aktuelle Sammlungstätigkeit?

Wir sind im Augenblick eher reaktiv als proaktive Sammler. Wir erweitern die Sammlung also nicht systematisch. Wir reagieren. Jetzt kommt gerade die ethnomedizinische Sammlung aus dem Josefinum zu uns, das sind 3000 neue Objekte. Nur hin und wieder kaufen wir ganz gezielt etwas für eine Ausstellung.

Die 3127 Exponate, die ab Mittwoch in den 14 neuen Sälen des Museums zu sehen sein werden, machen 1,5 Prozent der Sammlung aus. Wie wurden sie ausgewählt?

Die zehn Kuratoren des Hauses haben aus ihren Sammlungen ausgewählt. Die Grundidee war immer, eine Perlenkette an Geschichten zu erzählen. Die Highlights der Sammlung mit der Geschichte, wie und warum sie in Wien gelandet sind. Daraus haben wir gemeinsam ausgewählt.