"Beim Sammeln baut man sich ein kleines symbolisches Universum, das einen selbst überlebt, das den Stempel der eigenen Persönlichkeit in die Zukunft weiterträgt." Die Motivation für die globale Sammlerleidenschaft der Habsburger, vom Historiker Philipp Blom im Weltmuseum zusammengefasst, war klar - die Welt mit nach Hause zu bringen und fremde Kulturen anhand der erworbenen Gegenstände abzubilden.

Dass diese Vorgehensweise überholt ist, liegt auf der Hand. Nicht nur bringen uns TV und Internet die Welt ins Wohnzimmer und sind Menschen aus andren Kulturkreisen längst unsere Nachbarn. Auch der staunende, meist wertende, bisweilen herablassende Gestus dabei ist mehr als gestrig. Doch wie umgehen mit den kostbaren Sammlungen, die Häuser wie das Völkerkundemuseum besitzen? Wie sie zeitgemäß präsentieren? Das nun zum Weltmuseum Wien gewordene Haus in der Hofburg, das am Mittwoch (wieder)eröffnet wird, versucht auf diese Fragen zeitgemäße Antworten zu geben. Mit einigen sehr schönen Lösungen, die noch Potenzial bergen.

Jenseits der Beleidigung

Statt Kulturen zu präsentieren, was die Gefahr der ethnologischen Beleidigung birgt, hat sich Direktor Steven Engelsman entschieden, die Geschichten der Sammlungen und damit ihrer Sammler zu erzählen. Das funktioniert bei den Reisen der Habsburger sehr gut - vor allem bei der anhand von zahlreichen Artefakten nacherzählten Weltreise von Erzherzog Franz Ferdinand ab 1892 - oder auch bei den ersten Erkundungen der Südsee durch den britischen Seefahrer James Cook Ende des 18. Jahrhunderts. Die Palette der ausgestellten Objekte ist vielfältig: von chinesischem Porzellan und Ahnenfiguren aus Indonesien bis hin zu Fischerhaken, Feilen und Federbüsten aus Hawaii. Der erste Blick Europas nach Japan mit der Weltausstellung in Wien 1873 macht unter diesem Aspekt Sinn, auch das durch Heirat geknüpfte Band der Habsburger nach Brasilien.

Zu den (mitunter recht hoch gehängten) Objekten in den schwarzen Vitrinen kommen in einigen der 14 Säle der Schausammlung Videos, in denen Menschen zu Wort kommen, aus deren Herkunftskultur die ausgestellten Objekte stammen. Sie sprechen darüber, wie es ihnen damit geht, ihre Kultur im Museum anzutreffen, oder erzählen von ihrer Heimat. Was dabei jedoch zu kurz kommt, sind die Geschichten, die die Gegenstände zu erzählen hätten, die Einblicke, die sie ermöglichen, in die oft verlorenen Universen, aus denen sie stammen. Natürlich verhindert der Fokus auf die Provenienz der Stücke Probleme eines urteilenden europäischen Blicks, hinterlässt aber auch eine Leerstelle.

Zwischen die historische Sammlungspräsentation mischen sich auch ganz in Weiß gehaltene Säle, die sich kritisch mit der Geschichte des Hauses befassen, etwa mit den Schatten der Kolonialzeit, aus der ein Großteil der Sammlungen stammt, oder mit Bewegungen, die versuchten, Ethnologie für die eigene Ideologie zu missbrauchen. Auch den Versuch eines Brückenschlages zu heutigen Themen wie Migration versucht das Haus. Das gelingt zumindest in einigen multimedialen Ansätzen. Sehr lebendig ist etwa die Nachgestaltung eines Dorfes im Himalaja: Durch Videos und Interviews sind die ausgestellten Gegenstände hier rückgebunden in den Lebensalltag von Menschen. Den roten Faden zwischen diesen sehr unterschiedlichen Konzepten nicht zu verlieren ist mitunter eine Herausforderung.

Am stärksten ist das Weltmuseum jenseits all seiner prachtvollen Vitrinen in zwei der Sonderausstellungen. Einmal in Lisl Pongers Projekt "The Master Narrative", in dem sie sich eindrucksvoll mit dem Kolonialismus beschäftigt. Und in "Pop-Up-World", wo Kuratorinnen und Kuratoren des Hauses ihre Lieblingsstücke zusammengetragen haben und in Videos erklären, was sie an dem ausgestellten Stück fasziniert. Die kurzen Geschichten, die sie dabei erzählen, sagen in intensiven Blitzlichtern auf die jeweiligen Kulturen mehr als so mancher Saaltext.

Das Weltmuseum Wien liefert spannende Perspektiven dafür, wie ein Museum für Objekte und Menschen mit Migrationshintergrund aussehen kann, bleibt aber vorerst einige Geschichten schuldig.