Hat Architektur in der Praxis noch etwas mit originärer Kreativität zu tun? Oder ersticken die Bauvorschriften sie bereits im Keim? Sind heutige Bauten nicht vielmehr Resultat zwingender Regulierungen und Normierungen, die kaum noch Gestaltungsraum lassen? Sind Architekten also nur noch Normvollender? Und nutzen die zahlreichen Bauauflagen auch denen, für die sie gedacht waren?

Es sind vor allem Fragen, die Angelika Fitz mit ihrer ersten großen Themenausstellung als Direktorin des Architekturzentrums Wien aufwirft. Sie alle kreisen um die Ambivalenz zwischen Sicherheit und Bevormundung, deren beider Grad mit jeder neuen Normierung kontinuierlich steigt. Vorschriften sind - auch beim Bauen - menschengemacht, kulturabhängig und vor allem auch verhandelbar. Und sie sagen viel aus über die Verfasstheit einer Gesellschaft, von der und für die sie gemacht wurden.

Mit der aktuellen Schau "Form folgt Paragraph" versucht das Architekturzentrum diesen teils spröden, teils sehr technischen, jedenfalls aber gesellschaftlich brisanten Fragen gerecht zu werden. Das gelingt mit Praxisnähe, spießt sich aber an manch trockenem Detail. Wie viel Bevormundung nehmen wir für welches Maß an Sicherheit in Kauf - eine Frage, die sich aktuell nicht nur im Bereich Architektur stellt.

Dass Normen in der Realität jedoch keine abstrakte Angelegenheit sind, sondern sinnlich erfahrbar sind, zeigt die zentrale Installation der Schau. Hier kann der Besucher sieben unterschiedlich normierte Stiegen aus vier Kontinenten hinauf und hinunter steigen. Die begehbaren Unterschiede zwischen den flachen Stufen eines Schweizer Hauses und der an eine Leiter erinnernden steilen, schmalen und daher platzsparenden japanischen Version sind erstaunlich. Und sie zeigen die Relativität von Paragraphen auf. Sehr illustrativ ist auch die Gegenüberstellung der "Fewr Ordnung der Stat wienn" aus 1534 mit der aktuellen Bauordnung aus 2016 - das Regelwerk ist von einem Blatt zu einem dicken Schmöker angewachsen.

Vollkasko-Mentalität

Rund um den weißen Stiegen-Parcours werfen einzelne, mit gestapelten Aktenordnern abgetrennte Bereiche Schlaglichter auf Themen wie den Umgang mit historischer Bausubstanz, die Folgen eines Dachausbaues oder unterschiedliche Brandschutzbestimmungen in EU-Ländern. Dazu gibt es ein ausführliches Glossar, einzelne Fallbeispiele, die Anlass für neue Regeln waren, und einen Blick hinter so manche Fassaden auf die Paragraphen, die sie mitgestaltet haben.

Am Thema Spielplatz spricht die Schau eine besonders spannende Diskrepanz an: Obwohl die Spielplätze baulich immer sicherer werden - was sich auch darin bemerkbar macht, dass sie immer einheitlicher werden -, steigt die Zahl der Verletzungen. Während die einen den auf Smartphones starrenden Eltern die Schuld geben, erklären andere das Phänomen mit einer noch beunruhigenderen Vermutung: Kinder, die gewohnt sind, sich in genormten Umgebungen zu bewegen, entwickeln weniger motorische Kompetenzen. Eine Einschätzung, die sich auf andere Bereiche übertragen und sogar verallgemeinern ließe: Sicherheit und Vorsicht werden in einer Normenwelt vom Einzelnen an Vorschriften ausgelagert. Auch Bauen muss hier immer klüger werden - was rutschfeste Bodenbeläge, Neigungswinkel von Stiegen oder Widerstand von Türen betrifft. Dass das die Eigenverantwortung des Einzelnen untergräbt, ihn unfreier und abhängiger von vorgefertigten Standards macht, liegt auf der Hand.

Die Schau zeigt aber auch inspirierende Beispiele, bei denen es Architekten gelungen ist, mit den Vorgaben zu spielen, sie kreativ auszureizen und ihnen ästhetischen Mehrwert abzutrotzen.

Die einzelnen sinnlich erfahrbaren Elemente der Schau lockern die doch sehr dichten Ausstellungsblöcke auf, die Ebenen der Beschäftigung sind vielschichtig, einige sind sehr fachspezifisch. Eine Ausstellung, bei der die Debatte, die sie auslöst, spannender ist als die Schau selbst. Was ihr nicht die Relevanz nimmt. Ganz im Gegenteil.