Der barocke Prunkraum der Hofbibliothek wurde erst 1722 bis 1730 gebaut und eingerichtet, da hatte der Kernbestand der Österreichischen Nationalbibliothek (wie sie ab 1945 genannt wird) schon 464 Jahre hinter sich gebracht. Als Objekt des Monats steht in der Jubiläumsschau im kältesten, jedoch eindrucksvollsten Ausstellungsraum Wiens deshalb der Prachteinband des Gründungscodex im Mittelpunkt.

Der Kanonikus Johannes von Troppau hat ihn 1368 im Auftrag des habsburgischen Herzogs Albrecht III. in Prag mit goldenen Buchstaben und reichlich illuminiert fertiggestellt - für die weiteren Monate wird das Faksimile in der Tischvitrine diesen Auftakt der 650 Jahre umfassenden Geschichte von einer privaten über die Hofbibliothek bis zu unser aller "Schatzkammer des Wissens" erklären.Die historische Fortsetzung der Büchersammlung Friedrichs III. in Wiener Neustadt über seinen Sohn Maximilian I. nimmt daneben in der Jubiläumsschau die Goldenen Bulle um 1400 ein, seit 2013 in der Liste des Unesco Weltdokumentenerbes. Dazu zählen auch andere der 170 besonderen Objekte der Schau, von denen die wertvollsten - wie Mozarts Originalnotenblätter des Requiems von 1791, die Gutenberg-Bibel von 1454 oder die Tabula Peutingeriana, jene mittelalterliche Kopie einer antiken Straßenkarte - im Original immer nur ein Monat ans Licht kommen.

Kaiser Maximilians illustre Autobiografien, "Weißkunig" und "Theuerdank", schließen an die Goldene Bulle an, neben der Urkunde der Ernennung des ersten Bibliothekars, Hugo Blotius. Der für schon 7393 Bände im Minoritenkloster zuständige Niederländer wurde von Maximilian II. ernannt. Die anderen berühmten, oft nur nebenberuflichen Leiter wie Vater und Sohn van Swieten, die aus der höfischen eine wissenschaftliche Bibliothek mit erstem, noch vorhandenem Zettelkatalog machten, setzen fort. Ferdinand III. konnte 1655 von den verarmten Fuggern 15.000 Bände erwerben, dazu kam aus Ambras der älteste Bestand, da die Tiroler Linie der Habsburger ausstarb.

Bengalische Tiger und
eine Globensammlung

Die 15.000 Bände Prinz Eugen von Savoyens nehmen das Mitteloval des Prunksaales ein, in dem auch die Marmorstatue Karls VI. steht und Daniel Gran 1726/30 in die Kuppel dessen Apotheose malte. Heute wird er fürs Plakat mit einem coolen Smiley überblendet - als Hinweis auf die digitalen Zuwächse und die Gratis-ÖNB-App, die den Eintritt in die Schau ab Dezember für alle ermäßigt.

Neben der "Tabula Peutingeriana" Prinz Eugens gibt es umfangreiche Karten- und Globensammlungen, es bilden aber auch die verbotenen Bücher früherer Zeiten ein spannendes Unterkapitel. Zudem bringen die von Franz I. in Auftrag gegebenen Aquarelle zu Pflanzen, Tieren, aber auch österreichischen Veduten und Landschaften, viel Farbe ein - wobei auch der bengalische Tiger aus dem Tiergarten in Schönbrunn von Hofbotanikmaler Matthias Schmutzer nur im April gezeigt wird, wie Jakob und Rudolf von Alts Guckkastenserie.

Immer wieder gab es bibliophile Kaiser oder habsburgische Familienmitglieder wie Erzherzog Rainer, der seine schon 1870 hoch eingeschätzte Sammlung von 180.000 Papyrusrollen aus Ägypten Kaiser Franz Joseph I. 1899 zum Geburtstag schenkte - so kam auch dieser Unesco-Weltkulturerbe-Schatz in die Österreichische Nationalbibliothek. Generaldirektor Josef Bick, kümmerte sich in der Ersten Republik nicht nur um ein Esperanto-Museum, er wollte einen Wolkenkratzer als nötige Erweiterung zur "Zentralbibliothek" sehen, daraus ist nichts geworden.

Mit 1938 beginnt die dunkelste Zeit des Hauses. Die Raubzüge des Nationalsozialisten Paul Heigl als Direktor führt bis heute zu Forschungen nach rechtmäßigen Erben und Restitutionen wie für Übergaben an den Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus ab 1998. Abschließend ist Erweiterung in der Neuen Burg ab 1966, der Tiefspeicher 1992 und weitere Visionen in Richtung Heldenplatz neben dem Part des Literaturmuseums zu sehen. Wertvolle Nachlässe von Robert Musil, Ludwig Wittgenstein, Heimito von Doderer, Ingeborg Bachmann bis zum Vorlass Peter Handkes kommen zu der Foto-, Musikalien- und Postkartensammlung, den Zeitungen und der Netzbibliothek der Zukunft.