Zeugen einer schrecklichen Nacht: Die Objekte wurden während der Novemberpogrome aus dem brennenden Währinger Tempel geborgen und sind im Jüdischen Museum ausgestellt. - © www.wulz.cc / agentur wulz services / Inh. Ale
Zeugen einer schrecklichen Nacht: Die Objekte wurden während der Novemberpogrome aus dem brennenden Währinger Tempel geborgen und sind im Jüdischen Museum ausgestellt. - © www.wulz.cc / agentur wulz services / Inh. Ale

Wien. "Sämtliche jüdische Geschäfte sind fortan von SA-Männern in Uniform zu zerstören. (. . .) Jüdische Synagogen sind in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen."

Befehle wie diese erteilten Behörden, Gauleiter und Gestapostellen am 9. November 1938 auf Anweisung Joseph Goebbels, nachdem NSDAP-Mitglied und Legationssekretär Ernst Eduard vom Rath erschossen worden war. Goebbels tarnte seine Befehle als Spontanreaktion auf das Schussattentat durch den polnischen Juden Herschel Grynszpan - die SA-Führer verstanden sie als unmissverständliche Aufforderung. Sie folgten den Befehlen. Bis zu 1500 Menschen starben, mehr als 1400 Synagogen, Geschäfte und Wohnungen wurden in der Nacht auf den 10. November verwüstet. Unzählige jüdische Frauen wurden vergewaltigt, nachweislich 26.000 Juden kamen ins Konzentrationslager. Die systematische Judenverfolgung hatte begonnen.

Ob man diese Nacht nun Kristallnacht, Reichskristallnacht oder Reichspogromnacht nennt - sie ging als entscheidende Wende von der Judenverdrängung hin zur Judenvernichtung im NS-Regime in die Geschichte ein. Heute, am 9. November, finden österreichweit Gedenkveranstaltungen statt. Zahlenmäßig werden sie jährlich mehr: Das Thema scheint immer breiter verankert zu sein.

"Sprache als Gedächtnis"

So auch in Wien, wo zum Beispiel im Jüdischen Museum in der Dorotheergasse in der Inneren Stadt zwischen 13.30 und 14.30 Uhr freier Eintritt gilt. Nach einigen Gedenkminuten werden den Gästen die Novemberpogrome noch einmal vor Augen geführt - indem Objekte, die damals brennend geborgen wurden, präsentiert werden. "Sie sind verkohlt und haben alle eine eigene Geschichte, die wir ebenfalls vorstellen", sagt Sprecher Alfred Stalzer zur "Wiener Zeitung". Im Vorjahr, als hier zum ersten Mal eine Pogrome-Gedenkfeier stattfand, seien auch viele Nichtjuden ins Museum geströmt. "Die Besucher kamen aus allen Bevölkerungsschichten", so Stalzer.

Der "Republikanische Club - Neues Österreich" hat indes für 18 Uhr die Kundgebung "Niemals vergessen" am ehemaligen Aspang-Bahnhof in Wien-Landstraße geplant, wo 2013 ein Holocaust-Denkmal entstehen soll - von dem früheren Deportationsbahnhof wurden einst rund 50.000 Menschen in Konzentrationslager verschleppt.

Erst am Sonntag ab 19.30 Uhr wird im Volkstheater der Pogrome gedacht. Bei der Veranstaltung "Sprache als Gedächtnis", an der auch das Parlament beteiligt ist, wird etwa die US-amerikanische Schriftstellerin Ruth Klüger "über die Notwendigkeit, den Holocaust wach zu halten" sprechen.

Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) Wien beging bereits am Donnerstag im Wiener Stadttempel eine Gedenkfeier mit einer Lesung und Musik. Bei freiem Eintritt konnte jeder kommen - man musste lediglich einen Ausweis mitbringen. Laut Sabine Koller von der IKG ist das Publikum "immer stärker durchmischt".

Dass Gedenkveranstaltungen wie diese nicht mehr ausschließlich Juden als unmittelbar Betroffene ansprechen, bestätigt der Politikwissenschafter Emmerich Tálos: "Die Zeit des Verschweigens und der Verdrängung weicht jener der Aufklärung. Das Bewusstsein für das Thema wächst, mittlerweile ist es nicht mehr auf die jüdische Bevölkerung reduziert." Es steige das Bedürfnis, die Opfer zu benennen - und ihrer zu gedenken.